Eine Stadt der „Tüftler und Schaffer“

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So sah Tuttlingen früher einmal aus: Heute ist die Stadt, die 1803 bis auf die Mauern abgebrannt war, mit den Stadtteilen Nendin
So sah Tuttlingen früher einmal aus: Heute ist die Stadt, die 1803 bis auf die Mauern abgebrannt war, mit den Stadtteilen Nendingen, Möhringen und Eßlingen auf fast 37 000 Einwohner angewachsen. Die Flächen unterhalb des Honbergs sind längst bebaut, neue Flächen zur Entwicklung sind rar. (Foto: Archiv)
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Auf eine Besonderheit der Stadt Tuttlingen wird der Besucher schon beim Vorbeifahren auf der Autobahn A 81 hingewiesen. „Tuttlingen – Weltzentrum der Medizintechnik“, steht dort Weiß auf Braun. Mehr als 400 Firmen, die Produkte für den Gesundheitsbereich entwickeln, sind in der fast 37 000 Einwohner zählenden Stadt ansässig. „Eine Stadt der Tüftler und Schaffer“, sagt Oberbürgermeister Michael Beck.

In Tuttlingen finden sich weltweit erfolgreiche High-Tech-Firmen, für die Globalisierung schon lange Alltag ist.

Michael Beck, Oberbürgermeister von Tuttlingen

Sieben Firmen hat die Zeitung „Wirtschaftswoche“ im Jahr 2018 in einer Rangliste als Weltmarktführer ausgemacht. Das waren Aesculap, Karl Storz, Binder, Chiron, KLS Martin, Henke-Sass, Wolf und Andreas Hettich.

„In Tuttlingen finden sich weltweit erfolgreiche High-Tech-Firmen, für die Globalisierung schon lange Alltag ist“, erklärt Beck. Zusammen mit den kleinen und mittelständischen Betrieben beschäftigen die Branchengrößen rund 12.000 Mitarbeiter.

Umsätze im Milliarden-Bereich

Seit Ende der 1990er-Jahre wuchsen die Beschäftigtenzahlen um gut 25 Prozent. Von den Umsätzen, die im Milliarden-Bereich liegen, profitiert auch die Stadt. Satte 45 Millionen Euro an Gewerbesteuereinnahmen bescherten sie ihr 2020. Die Corona-Effekte waren da noch kaum spürbar.

Geld, das für die Infrastruktur genutzt wird. Ein Frei- und ein Hallenbad werden genauso finanziert wie eine kommunale Kunstgalerie oder das Kulturangebot in den städtischen Hallen. Für mehr als zehn Millionen Euro hat die Kreisstadt jüngst die Fußgängerzone saniert, um sich nun dem nächsten Mammutprojekt zu widmen.

Keine andere Stadt in Baden-Württemberg steckt derzeit so viel Geld in die Sanierung eines Schulgebäudes.

Michael Beck

Für mehr als 60 Millionen Euro werden die beiden Gymnasien auf Vordermann gebracht. „Keine andere Stadt in Baden-Württemberg steckt derzeit so viel Geld in die Sanierung eines Schulgebäudes“, betonte Beck beim Spatenstich im Juni.

Früher produzierte die Stadt Nelken

Tuttlingen hat sich in seiner Stadtgeschichte bereits mehrfach gewandelt. In den 1950er-Jahren galt noch der Spruch „Nelke, Schuh und Instrument – Tuttlingen ein jeder kennt.“

Von der einstigen Nelkenproduktion ist nicht mehr viel geblieben. Das früher sieben Hektar große Gelände wird bald fast vollständig mit neuen Häusern bebaut sein. Bis zum Jahr 1992 betrieben die Brüder Herbert und Gunter König dort zahlreiche Gewächshäuser, produzierten Edelnelken.

Aber damit war Anfang der 90er-Jahre Schluss. Die Erzeugungskosten waren zu hoch geworden, „allein das Heizen wurde zu teuer“, erzählt Gunter König. Hinzu kam die Konkurrenz: Viele Blumen wurden aus dem Ausland importiert, „da konnten wir preislich nicht mehr mithalten“.

Auch Schuhe werden in Tuttlingen kaum noch hergestellt. Zwar gibt es in der Donaustadt weiter die bekannten Marken wie Solidus oder Rieker. Diese lassen die Schuhe vor Ort aber nur noch entwerfen, produziert werden diese längst in anderen Ländern. Was Tuttlingen geblieben ist, sind einige Gerbereien, die weiterhin Leder herstellen.

Mangel an Ärzten und Lehrern

Seit mehr als zehn Jahren ist Tuttlingen Standort einer Hochschule. Neben der Bereitstellung finanzieller Mittel half vor allem die Kooperation mit der örtlichen Wirtschaft, dass am Campus Tuttlingen der Hochschule Furtwangen die Fachkräfte der Zukunft ausgebildet werden können. Diese in der Region zu halten, ist erklärtes Ziel der Verantwortlichen in Stadt- und Kreisverwaltung. Bei den Lehrern und Ärzten gelingt dies bisher nicht oft genug. Tuttlingen ist in beiden Berufsfeldern im Vergleich mit anderen Regionen schwach versorgt.

Dabei dürfte das eigentlich nicht unbedingt etwas mit dem Standort Tuttlingen zu tun haben, meint Beck. Auch wenn man bei Industriestandorten eher an „unattraktive Landstriche“ denke, gebe es in Tuttlingen doch Firmen, „in denen Sie mit Blick aufs Donautal arbeiten können oder nach Feierabend direkt vom Arbeitsplatz aus auf dem Donauradweg radeln können.“ Auch der Bodensee oder der Schwarzwald sind in kurzer Zeit erreichbar.

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