Ein Münchner, der Tuttlingen wach küsst

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Michael Ungethüm feiert in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag.
Michael Ungethüm feiert in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag. (Foto: Sebastian Heilemann:)
Redaktionsleiter

Der ehemalige und langjährige Vorstandsvorsitzende des Tuttlinger Medizintechnik-Unternehmens Aesculap, Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Michael Ungethüm, feierte am Samstag, 8. September, seinen 75. Geburtstag. Der gebürtige Münchner war der vielleicht wichtigste Wegbereiter der Erfolgsgeschichte der Medizintechnik-Branche in der Region: „Aesculap ist mein Leben. Tuttlingen ist mein Zuhause“, sagt er. Noch heute hat er im Scheerer-Haus neben dem Aesculapium sein Büro. Sechs Tageszeitungen hat er im Abo. Das hält ihn geistig fit.

Von 1977 an saß Michael Ungethüm mehr als 32 Jahre im Vorstand von Aesculap, zuerst als stellvertretender Vorsitzender für den Bereich „Forschung und Entwicklung“. Ab 1979 wurde er zum ordentlichen Vorstandsmitglied und 1983 zum Vorstandsvorsitzenden benannt. Diesen Posten hatte er bis 2009 inne, als ihn Hanns-Peter Knaebel beerbte, den er wenige Jahre zuvor ins Unternehmen geholt hatte. Von 1996 an saß Michael Ungethüm zudem im Vorstand der Aesculap-Mutter, der B. Braun Melsungen AG.

Als der Jubilar 1977 nach Tuttlingen kam, hatte das Unternehmen einen Umsatz von umgerechnet 55 Millionen Euro. Bereits 1999 war der Umsatz auf umgerechnet 500 Millionen Euro, die Schallmauer von einer Milliarde D-Mark, gestiegen. 2007 knackte Aesculap erstmals die Grenze von einer Milliarde Euro Umsatz.

„Entscheidend war für mich, nicht nur das Ergebnis für morgen vor Augen zu haben, sondern die solide Grundlage für übermorgen zu schaffen“, betont Michael Ungethüm. Ein Schlüssel zum Erfolg und der Zukunftsfähigkeit von Aesculap sei die Nachhaltigkeit gewesen. Dazu seien wichtige Aspekte gekommen: Kompetenz, Glaubwürdigkeit, Liberalität, Beständigkeit, Verlässlichkeit und Standhaftigkeit zählt Michael Ungethüm auf – und die klassischen Werte des „ehrbaren Kaufmanns“: Ehrlichkeit, Sparsamkeit, politischer und ökonomischer Weitblick, Mäßigkeit, Ordnung, Genügsamkeit, Fleiß und Demut. Dazu sei es ihm wichtig gewesen, seine Ziele zu verfolgen, auch wenn es zu Widerständen gekommen sei

Einfachste Verhältnisse

Michael Ungethüm, der seit 45 Jahren verheiratet ist und zwei Kinder hat, wurde am 8. September 1943 in einfachsten Verhältnissen geboren. Vielleicht kommt daher seine Abneigung gegen flotte Anglizismen, die in den vergangenen Jahren in der Wirtschaftssprache so rasant Einzug gehalten haben. Sein Vater fiel im Zweiten Weltkrieg. Nach einer Schlosserlehre legte er auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur ab. Es folgte ein Maschinenbaustudium an der Technischen Universität in München. Für seine Promotion wechselte er im Jahr 1976 an die Technische Hochschule in Aachen.

1977 habilitierte er an der Medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilian-Universität in München: „Ich war der erste Ingenieur, der dort habilitiert hat“, berichtet Michael Ungethüm. Sieben Jahre lang arbeitete er wissenschaftlich an der Orthopädischen Klinik und Poliklinik der Universität München.

Prof. Ludwig-Georg Braun, damaliger Vorstandsvorsitzender der B. Braun Melsungen AG, die gerade die Mehrheit an Aesculap übernommen hatte und Anfang der 1980er-Jahre alle Aktien in Händen hielt, wurde auf Michael Ungethüm aufmerksam und holte ihn 1977 nach Tuttlingen. Ein Schachzug, der sich bezahlt machen sollte. „Fügung, Gelegenheit und Glück gehören dazu, ein solches Angebot zu erhalten“, sagt Michael Ungethüm, der nur 13 Tage älter ist als Ludwig-Georg Braun.

In seiner Zeit als Aesculap-Vorstandsvorsitzender gab es laut Michael Ungethüm drei Meilensteine, in der das Unternehmen eine Schrittmacherfunktion übernommen hat. Dabei nennt er als Erstes die Endoprothetik, den Einstieg in die Welt der Implantate, mitsamt des Baus der Benchmark-Factory, die 2001 eröffnet und 2008 erweitert wurde, und den damit verbundenen ersten Standortsicherungsvertrag zwischen Unternehmen, Betriebsrat und der Gewerkschaft IG Metall. Der Deal: Die Mitarbeiter arbeiten 24 Minuten unentgeltlich länger und werden dafür am Erfolg von Aesculap beteiligt. Im Gegenzug verpflichtete sich das Unternehmen, am Tuttlinger Standort zu investieren. Zwei Mal wurde diese Absprache in neue Form gegossen, zuletzt 2015. Als Zweites kommen für Michael Ungethüm der Einstieg in die regenerative Medizin und als Drittes die Gründung der Aesculap-Akademie hinzu.

Das Aesculapium, das 1995 eröffnet wurde, stellte den Beginn der Aesculap-Akademie dar. Aesculap habe sie still und heimlich auf den Weg gebracht. Das Ziel sei es gewesen, eine „Fortbildung auf hohem Niveau in Zusammenhang mit unseren Produkten“ anzubieten. Dabei war das Aesculapium das erste seiner Art in Deutschland. Heute gibt es zwei weitere Standorte der Aesculap-Akademie: in Berlin und Bochum.

Auch wenn vieles unter der Ägide von Michael Ungethüm bei Aesculap rund lief, eine Sache verlief nicht so, wie er es erwartet hatte: Er war Anfang der 1980er-Jahre davon überzeugt, dass sich der Laser als chirurgisches Instrument durchsetzen würde. Viel Geld investierte Aesculap, gründete zwei Institute in Berlin und Ulm und kaufte ein Unternehmen. „Nach fünf Jahren habe ich realisiert, dass der Laser ein wichtiges Instrument ist, aber in der klassischen Chirurgie nicht greift“, sagt Michael Ungethüm. Er sei zu teuer und zu aufwendig. Aesculap verkaufte die Sparte „relativ profitabel“ an Jenoptik unter dem damaligen Geschäftsührer und ehemaligem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth. Trotz des ausbleibenden Erfolgs der Laser-Technologie für die klassische Chirurgie bekam Michael Ungethüm eine hohe Auszeichnung für seine Auseinandersetzung mit dem Thema: Die Freien Universität Berlin verlieh ihm die Ehrendoktorwürde.

Genügend Freiheit bekommen

Von Ludwig-Georg Braun habe er die Freiheiten erhalten, die er gebraucht habe: „Ich konnte bei Aesculap den Weg machen, der mein Leben in umfassender Weise sinnvoll und erfolgreich hat werden lassen“, sagt Michael Ungethüm. Mit Ludwig-Georg Braun habe er sich im „Gleichklang der Werte und der inneren Orientierung“ befunden. Die ihm gebotene Freiheit habe er zu keinem Zeitpunkt missbraucht. Das passt zu dem wichtigsten Satz im Leben von Michael Ungethüm, der dem griechischen Staatsmann, Feldherren und Denker Perikles zugeschrieben ist: „Das Geheimnis des Glücks ist Freiheit und das Geheimnis der Freiheit ist der Mut.“

Nur wer etwas mit Leidenschaft mache, könne es laut Michael Ungethüm weit bringen. In schwierigen Zeiten habe er Kraft aus der Freude an seiner Aufgabe, von seiner Familie und seinem Glauben erhalten. Es habe keinen Tag gegeben, an dem er nicht gerne an seinen Arbeitsplatz gegangen sei: „Das feste Herz, Vertrauen in die Zukunft, Zuversicht in aller Ungewissheit und die Gewissheit des Lyrikers Johann Christian Friedrich Hölderin, dass dort, wo Gefahr droht, zugleich das Rettende wächst, haben mir immer geholfen und mich geleitet.“

Auch wenn er erst spät zum Glauben gefunden habe, so sei dieser für ihn inzwischen wichtig. Äußeres Zeichen dafür ist die Kapelle St. Johannes und Jakobus auf dem Witthoh, die er im Jahr 2003 gestiftet hat und die katholisch geweiht ist. Auch wenn er evangelisch sei, so habe er doch eine enge spirituelle Verbindung zur katholischen Kirche. Da verwundert es nicht, dass die Familie Ungethüm die große Glocke in der Kirche Maria Königin, die „Gloriosa“ zum 50-jährigen Bestehen des Gotteshauses im Jahr 2012 ebenfalls gestiftet hat.

In den ersten Jahren in Tuttlingen habe es für ihn nur Aesculap gegeben. Dann aber, als er so richtig angekommen war, habe er sich für die Kultur, die Wohlfahrt und die Bildung in der Stadt eingesetzt.

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