Ein Lichtblick im Trennungsschmerz

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Wenn eine Beziehung scheitert, kann das auch das Aus eines Lebensentwurfs bedeuten.
Wenn eine Beziehung scheitert, kann das auch das Aus eines Lebensentwurfs bedeuten. (Foto: Foto/Archiv: Frank Leonhardt/Bearbeitung: Corinna Krüger)

Fragen zur Selbsthilfegruppe beantwortet Sabrina Wurdak unter Telefon 07461 / 926 4604 oder per E-Mail:

s.wurdak@landkreis-tuttlingen.de

In Tuttlingen soll eine neue Selbsthilfegruppe gegründet werden: „Seelische Belastung durch Trennung“. Angesprochen sind Menschen, die sich in unterschiedlichen Phasen einer Trennung befinden, um sich auszutauschen und neue Perspektiven zu entwickeln. Ein erstes Treffen zum Kennenlernen gibt es am Montag, 17. September, um 19 Uhr in der Selbsthilfekontaktstelle in der Gartenstraße 22 in Tuttlingen.

Stefan R. (Name geändert) aus Tuttlingen hat den Anstoß zur Gruppengründung gegeben. „Ich habe gemerkt, dass ich Hilfe brauche“, sagt er. Nach 18 Jahren Ehe und 24 Jahren Beziehung kam – für ihn plötzlich und völlig unerwartet – das Aus. Ohne Vorwarnung habe seine Ehefrau im Juli die Beziehung beendet. „Brutal und konsequent“, so erzählt er seine Version dieser Trennungsgeschichte, hat sie ihr Vorhaben durchgezogen: Der Auszug aus der gemeinsamen Wohnung mit dem jüngsten der Kinder – offenbar in die Wohnung eines neuen Lebenspartners. „Ich wurde eins zu eins ersetzt“, sagt der 43-Jährige. Sein bisheriger Lebensentwurf, die Aussicht, gemeinsam alt zu werden, das Sakrament der Ehe: „Es ist alles weg und für sie plötzlich nichts mehr wert.“ Ihm wurde der Boden unter den Füßen weggerissen.

Seither fühle er sich im freien Fall. „Und es geht immer noch tiefer.“ Die Vereinbarung mit seiner Frau, die Trennung friedlich, offen und ehrlich durchzustehen, sei durch ein Schreiben ihres Anwalts mit dem Hinweis auf ein Kontaktverbot zunichte gemacht worden. Wie sieht es mit dem Sorgerecht für die Kinder aus? Wo werden sie leben? All das sei nicht geklärt und werde nun mit Anwälten verhandelt.

Austausch erhofft

„Das ist eine Ausnahmesituation, die mir sehr viel abverlangt“, bekennt der 43-Jährige. Er hofft darauf, sich bei den künftigen Gruppentreffen mit anderen austauschen zu können, die in einer ähnlichen Situation sind oder waren wie er. Um vielleicht Chancen und Lichtblicke gezeigt zu bekommen, wie es auf diesem schwierigen Weg weitergehen könnte. Verzweiflung, Trauer, Hilflosigkeit, Schockstarre – all diese Gefühle hat er erlebt oder steckt mittendrin. Stefan R.: „Da ist es hilfreich, wenn da jemand ist, der einem zuhört.“

Bei Sabrina Wurdak, die die Selbsthilfegruppen im Landkreis koordiniert, ist er mit seinem Vorschlag einer Gruppengründung auf offene Ohren gestoßen. Sie kann sich vorstellen, dass sich die Gruppenmitglieder auch bei Behördengängen unterstützen und Aktivitäten außerhalb der Gruppenabende unternehmen. Denn auch der vertraute Freundeskreis kann auseinander brechen, wenn ein Paar getrennte Wege geht. Dass es viele Betroffene gibt, unterstreicht sie mit der Zahl der Scheidungen, die im vergangenen Jahr in Baden-Württemberg bei rund 150 000 lag. Dazu kommt noch die Anzahl der Paare, die auseinandergehen, aber nicht verheiratet waren.

Super-Gau in vielerlei Hinsicht

Für den Tuttlinger bedeutete die Trennung in vielerlei Hinsicht einen Super-Gau – den größten anzunehmenden Unfall. Menschlich, seelisch, auch finanziell. Die gemeinsame Wohnung hat er gekündigt. Mit den Unterhaltsleistungen, die er künftig zu tätigen habe, schaffe er das nicht mehr. Nach wie vor versuche er, die Kinder aus dem Trennungshickhack herauszuhalten, aber immer für sie da zu sein. Sie sollen keine Partei ergreifen müssen und niemanden für seine Entscheidungen verteufeln. Der Alltag geht nach außen hin weiter: Er funktioniert, er geht arbeiten. Aber: „Das alles ist schwierig für mich und stellt eine Herausforderung, teilweise eine Überforderung dar.“

Im Urlaub war er ein paar Tage auf dem Jakobsweg unterwegs. Da hat er gemerkt: „Auch das langsame Gehen kann hilfreich sein.“ Diese kurze Auszeit, die ihm seinen Glauben spürbar und erlebbar gemacht habe, trage ihn. Dennoch: Was bleibt, ist die Frage nach dem Warum. Auch wenn es hin und wieder Alltagsprobleme gegeben habe – eine Trennung sei für ihn weder vorstellbar noch absehbar gewesen.

Fragen zur Selbsthilfegruppe beantwortet Sabrina Wurdak unter Telefon 07461 / 926 4604 oder per E-Mail:

s.wurdak@landkreis-tuttlingen.de

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