Ein Jahrhundertwerk in der Stadtkirche

Lesedauer: 5 Min

Die Chöre und Musiker füllten den Altarraum.
Die Chöre und Musiker füllten den Altarraum. (Foto: Helmut Brand)
Schwäbische Zeitung
Siegfried Burger

Das War Requiem von Benjamin Britten ist ein Jahrhundertwerk. Dieses wurde am Samstag in der Stadtkirche von der Camerata Tübingen, dem Knabenchor capella vocalis, dem Akademischen Chor sowie dem akademischen Orchester Tübingen und dem Bach-Chor der Universitätsstadt Tübingen, unter den Dirigenten Philipp Amelung und Ingo Bredenbach aufgeführt. Dazu kamen die ausgezeichneten Solisten Marie Friederike Schröder, Sopran, Benedikt Kristiansson, Tenor, und Georg Gädker, Bariton.

Wie bei der Uraufführung 1962 in der neuen Kathedrale Coventry, (die alte Kathedrale und die Stadt wurden im Krieg von deutschen Bombern zerstört), waren großer Chor, Orchester und Sopransolistin im Altarraum postiert, ein weiteres Orchester mit Chor, Knabenchor, Tenor- und Baritonsolist auf der Orgelempore.

Ein Werk ohne Chorteile und Arien

In diesem großen Werk gibt es keine Chorteile und Arien. Britten beschreibt musikalisch die Texte, den altchristlichen Requiemtext und erschütternde Texte des Engländers, Winfried Owens, der in den letzten Tagen des ersten Weltkriegs gefallen ist, vielfältig. Im ständigem Wechsel aller Musizierenden, vom Pianissimo bis Fortissimo, von den Chören, von den Blechbläsern, den Holzbläsern, Pauken und Glocken bis hin zum gewaltigen Tutti ist es eine mitreißende Musik.

Ganz wunderbar erfunden sind die Soloeinwürfe zum Gesang der Solisten von Posaune, Trompete, Klarinette und weiteren Instrumenten.

Brittens Kompositionsstil ist weder tonal noch atonal, er setzt alle Töne freitonal, zur Aussage passend, ein, und damit die Zuhörer zutiefst erfassend.

Sopranistin überstrahlte Cor im Pianissimo

Es sei nur an das Sanctus erinnert: Die Sopranistin sang, wie ein Erzengel vor Gottes Thron, mit gewaltiger doch schöner Stimme das dreifache Sanctus, und überstrahlte danach noch in herrlichem Forte den großen Chor der Engelscharen beim „Dominus Deus Sabaoth“ . Doch das Benedictus sang der riesige Chor im Pianissimo, so dass man meinte, den Lobgesang der unendlichen Zahl der Erlösten in des Himmel Weite zu vernehmen.

Zuvor sang aber der Knabenchor: „Dir gebührt Lobgesang, Gott in Zion ...“ und dann der große Chor: „Ewige Ruhe schenke ihnen, Herr, und ewiges Licht leuchte ihnen...“. Darauf wieder der Tenor: „Was fürTotenglocken gebühren denen, die wie Vieh sterben? Nur die ungeheure Wut der Geschütze, nur das schnelle Knattern der ratternden Rohre kann die hastigen Gebete für sie dahersagen.“

Für den Lebenspartner besonders ergreifende Partien

Dazu sei erwähnt, dass Benjamin Britten für seinen Lebenspartner, den Tenor Peter Pears, besonders ergreifende Partien sich ausgedacht hatte, auch in seinen Opern. Hier sang Benedikt Kristjansson obige Tenorpartien ungemein berührend. Doch auch Bariton Georg Gädker gestaltete seine vielen Soli textgemäß und schön.

Man erlebte, in welch reicher Vielfalt Britten diese unterschiedlichen Aussagen für diese Großzahl an Musikern und mit so reicher Instrumentation komponierte. Dies war ihm sicher ein inneres Bedürfnis. Zum Schluss singt der Knabenchor den Requiemtext „Ewige Ruhe schenke ihnen, o Herr, es leuchte ihnen das ewige Licht“, und der große Chor beendete dieses kolossale Werk sanft mit den Worten „Mögen sie in Frieden ruhen. Amen“.

Der langanhaltende Beifall, nachdem der letzte Ton verklungen war, kam den Zuhörern aus dem Herzen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen