„Eigentlich brennt die Hütte“

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Sebastian Dörn ist Professor für Mathematik am Hochschulcampus Tuttlingen.
Sebastian Dörn ist Professor für Mathematik am Hochschulcampus Tuttlingen. (Foto: Michael Hochheuser)
Schwäbische Zeitung

Es gibt gute Gründe, warum eine Firma die Digitalisierung nicht überleben könnte. Sieben Gründe über die Sebastian Dörn in seinem Vortrag in der Reihe des Open Campus am kommenden Mittwoch, 28. März, 19 Uhr, am Hochschulcampus Tuttlingen referieren wird. Der Ingenieurmathematiker und promovierte Informatiker ist seit 2011 Professor für Mathematik und Informatik am Hochschulcampus Tuttlingen. Unsere Mitarbeiterin Valerie Gerards hat vorab mit ihm gesprochen.

„Geschäftslage positiv“, „Der Industrie geht es gut“, „Positive Konjunktur“: Das alles sind aktuelle Schlagzeilen. Sie sehen das anders, oder?

Stimmt. Der Firmenalltag könnte so schön sein: Die Unternehmen entwickeln schrittweise die vorhandenen Produkte und Technologien weiter. Der Anteil am Weltmarkt nimmt in dem jeweiligen Marktsegment zu. Die Mitarbeiter bauen ihr Expertenwissen im produktnahen Umfeld kontinuierlich aus. Die Kunden kaufen fleißig die hergestellten Produkte. Diese Vorstellungen sind im Zeitalter der Digitalisierung eine Illusion.

Und wie sieht die Realität aus?

Die Digitalisierung bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten an, um veraltete und überholte Produkte, Prozesse oder Dienstleistungen zu automatisieren. Disruptive Technologien sind eine ernste Gefahr für viele Unternehmen. Wir sind in Deutschland stark im Maschinenbau, aber auf der Softwareseite schwach besetzt. Die Wertschöpfung verlagert sich durch die Digitalisierung immer mehr von der Hardware auf die Software. Das ist eine große Herausforderung für unser Land.

Was ist eine disruptive Technologie?

Eine disruptive Technologie ist eine Innovation, welche bestehende Dinge nahezu vollständig verdrängt. Der Klassiker ist die Digitalkamera. Zunächst konnten Digitalkameras qualitativ nicht überzeugen. In den 2000er Jahren verbesserte sich die Bildqualität, sodass diese analoge Kameras fast vollständig verdrängten. Als Ergebnis ging im Jahre 2012 der Weltkonzern Kodak mit 140 000 Mitarbeitern pleite. Und das, obwohl Mitarbeiter des Unternehmens in den 1970ern die Digitalkamera erfanden! Die Geschäftsleitung verwarf damals dieses revolutionäre Produkt.

Warum verwarfen sie es?

Die Kamera brauchte keine Filme. Die Angst das dominante Geschäftsmodell der Filme zu verlieren, verhinderte die Markteinführung. Im Jahre 1999 prognostizierten eifrige Konzernplaner der digitalen Fotografie in 2010 einen Marktanteil von fünf Prozent. In der Realität trat genau das Gegenteil davon ein. Als später Konkurrenten mit digitalen Kameras in den Markt stießen, konnte Kodak nicht rechtzeitig reagieren.

Wie hängt die Digitalisierung mit der Produktivität zusammen?

In den letzten fünf, sechs Jahren ist die Produktivität im Maschinenbau nicht gestiegen. Das ist ein großes Rätsel, vor dem die Ökonomen stehen. Aus meiner Sicht ist des Rätsels Lösung die Digitalisierung, die in vielen Unternehmen noch gar nicht angekommen ist.

Können Sie ein konkretes Beispiel geben?

Ja, die Maschinenwartung sieht in vielen Firmen wie folgt aus: Wartungspläne werden ausgedruckt und an die Maschinenbediener verteilt. Diese führen die Wartung durch und füllen die Dokumente aus. Am Ende werden die Dokumente in einem Aktenschrank archiviert. Dieser Prozess kostet Unmengen an Zeit. Was lernt die Firma aus den aufgenommenen Daten? Nichts. Das wertvolle Wissen verstaubt in Ordnern. Der gesamte Produktionsprozess ist zu digitalisieren: Sensordaten sind automatisch aufzunehmen und mittels Algorithmen zu analysieren. Auf diesem Weg können Firmen die Wartungsintervalle individuell anpassen, die Qualität der Produkte verbessern und Ausfälle reduzieren.

Eine Professorin der Uni Hohenheim hält siebzig Prozent der Aufregung um den Begriff Industrie 4.0 für reinen Hype...

Vorträge zum Thema Industrie 4.0 finden fast täglich statt. Ich möchte in meinem Vortrag auf unterhaltsame Weise dieses Thema den Zuhörern näherbringen. Mit Sarkasmus und etwas schwarzen Humor beleuchte ich die Digitalisierung unserer Arbeitswelt. Ich sehe, dass viel zu wenig in Firmen gemacht wird und diese damit in absehbarerer Zeit in große Probleme kommen. Es fehlen überall IT-Fachkräfte, wie Programmierer und Datenanalysten. Das Gebiet der Künstlichen Intelligenz wächst um zirka 50 Prozent pro Jahr. Das dürfen wir nicht ignorieren und der ausländischen Konkurrenz überlassen. Beim Thema algorithmische Datenanalyse, agilen Entwicklungsmethoden und digitalen Geschäftsmodellen sehe ich einen enormen Bedarf an Weiterbildung. Damit müssen sich die Firmen intensiv beschäftigen. Alle Prozesse und Strukturen gehören mit der Digitalisierung auf den Prüfstand. Ansonsten brennt irgendwann die Hütte lichterloh.

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