Drazen D. hat Dreifach-Mord angeblich bis ins Detail angekündigt

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Bei einem Familiendrama in Villingendorf im Kreis Rottweil sind im September ein Mann, eine Frau und ein Sechsjähriger erschoss
Bei einem Familiendrama in Villingendorf im Kreis Rottweil sind im September ein Mann, eine Frau und ein Sechsjähriger erschossen worden. Beim zweiten Prozesstag kam nun heraus, dass der Täter die Tat schon einen Monat zuvor ankündigt hat. (Foto: dpa)
Lothar Häring

Ist Drazen D., der sich wegen dreifachen Mordes in Villingendorf vor dem Landgericht Rottweil verantworten muss, vermindert schuldfähig? Ein erstes, wenn auch nicht entscheidendes Indiz lieferte der gestrige zweite Verhandlungstag vor dem Landgericht Rottweil.

Drazen D. wird vorgeworfen, im September 2017 seinen eigenen sechsjährigen Sohn, seinen Nebenbuhler (34) und dessen Cousine (29) erschossen zu haben. Seine mehrjährige Freundin, die sich von ihm getrennt hatte, verschonte er.

18 Zeugen hat die 1. Große Strafkammer gestern vernommen, und daraus ergab sich ein umfassendes Bild, wie es zu dieser Tat kam: Nach immer neuen Gewaltausbrüchen des gebürtigen Kroaten flüchtete die Frau, mit der er den sechsjährigen Sohn hatte, von Tuttlingen zu ihrem neuen Partner nach Villingendorf. Aus Angst vor Drazen D. hielten sie den Wohnort geheim. Doch der 40-Jährige, der nach Mahlstetten gezogen war, fand ihn heraus. Mehrfach kam er nachts, machte sich an den Rollläden zu schaffen und zerkratzte das Auto.

Tat vier Wochen zuvor angekündigt

Am 19. August kam es zu einem offenbar zufälligen Zusammentreffen vor einem Supermarkt in Singen. Dort, so berichtete gestern die Schwester der Ex-Freundin von Drazen D., habe dieser angekündigt, er werde „in vier Wochen alle umbringen und seine Ex-Freundin quälen, indem er sie leben lässt und ihr die Augen aussticht“. Der Sohn bekam den lauten Streit hautnah mit, litt unter Angst und erzählte einer Nachbarin, er wolle seine Mutter mit einem Baseballschläger beschützen. Die sprach mehrfach bei der Polizei vor, doch dort, so die Schwester, habe man sich belästigt gefühlt und erklärt, nicht gegen den Mann vorgehen zu können. „Sie kamen erst, als es zu spät war“, sagte die 33-jährige Zeugin.

Es kam, wie angedroht, vier Wochen später, am 14. September zur Tat. Der Vater, so der Staatsanwalt, stand vor seinem Sohn, der an diesem Tag eingeschult worden war, und erschoss in aus drei Metern.

„Der Junge hat seinen Vater geliebt“, sagte seine Tante gestern, „und er hat ihn immer verteidigt.“ Sie berichtete auch, Drazen D. sei wegen psychischen Probleme im Zentrum für Psychiatrie Reichenau behandelt worden. Ihre Schwester habe ihn als „nicht normal bezeichnet“. Indizien für verminderte Schuldfähigkeit?

Sie fanden ihn „komisch“

Das Unheil hatte sich auch an jenem 14. September lange angekündigt. Vor Gericht wurde deutlich, wie viele Menschen es mitbekommen hatten. Sie alle sahen im Laufe jenes 14. September in und um Villingendorf den Mann mit dem grünen Seat und dem Konstanzer Eintages-Kennzeichen. Sie fanden ihn „komisch“ oder „seltsam“, doch keiner konnte es deuten und schon gar nicht ahnen, dass sich da eine Katastrophe anbahnte.

Drazen D. schwieg auch gestern. Seine Verteidiger versuchten, die Glaubwürdigkeit seiner Ex-Freundin zu erschüttern, indem sie öffentlich machten, dass die 28-Jährige bei ihrem Ex-Mann in einem Swinger-Club in Radolfzell mitgearbeitet habe.

Fünf Tage nach der Tat wurde Drazen D. in Neufra gefasst. „Er war völlig erschöpft und durchnässt, hatte keine Socken an, Holzwolle in den Schuhen und noch zwei Patronen in der Tasche. „Die sind für mich“, sagte er. Das Gewehr, die mutmaßliche Mordwaffe aus Kroatien, trug er in einer Plastiktüte mit sich. „Er wirkte sehr kaltblütig“, sagte einer der beiden Beamten. Zu dessen Kollegen sagte er zweimal: „Erschießen Sie mich!“ Ihm selbst habe der Mut zu einem Suizid gefehlt. „Erschießen Sie mich“, habe er zweimal zu einem der Beamten gesagt. Der hat eine andere Vermutung, dass es nicht zum Suizid kam: „Vielleicht war sein Projekt noch nicht abgeschlossen.“ Heißt: Drazen D. wollte sich womöglich noch an der Mutter seines toten Sohnes rächen und seinen teuflischen Plan mit dem Ausstechen der Augen in die Tat umsetzen.

Wegen dreifachen Mordes an seinem Sohn und zwei Erwachsenen muss sich ein 41-Jähriger vor dem Landgericht Rottweil verantworten. Der Angeklagte schweigt zu den Vorwürfen.
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