„Die Wölfe sind längst da“

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Rudi Suchant.
Rudi Suchant. (Foto: pr)
Schwäbische Zeitung

Sind Wildtiere wie der Luchs bald typische Bewohner der heimischen Wälder? Redakteurin Ingeborg Wagner sprach mit Wildtierökologe Rudi Suchant von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg.

Wie hoch schätzen Sie die Anzahl an Luchsen, die es im Gebiet Schwarzwald, Hegau, Oberes Donautal gibt?

Insgesamt gehen wir von vier Tieren aus, bei denen wir sichere Nachweise haben. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass nicht alle Beobachtungen gemeldet werden.

Sind Sie über den Luchs im Waldgebiet im nördlichen Hegau informiert worden?

Das müsste ich nochmals detailliert überprüfen. Es geht gerade vieles an Beobachtungen ein, diese müssen abgeglichen werden. Jede Meldung muss genau überprüft werden. Nur die der Kategorie eins, belegt mit einem Totfund, Foto oder einer genetischen Probe, gelten als sichere Nachweise. Wenn ein Anrufer einen Luchs mit langbuschigem Schwanz meldet, dann können wir ebenso sichergehen, es war keiner.

Wie viele Luchse sind mit Peilsendern ausgestattet?

Momentan nur Luchs „Tello“. Bis vor kurzem waren es mit „Friedl“ tatsächlich zwei Tiere. Der Peilsender, den wir Friedl im April 2015 angelegt haben, hat sich nach genau einem Jahr abgelöst und jetzt ist dieser Luchs nicht mehr am Sender. Das war geplant, weil wir den Tieren nur so lange ein Halsband zumuten wollen, wie die Untersuchungen es erfordern.

Wie können Sie die Tiere, auf die Hinweise eingehen, denn sonst unterscheiden?

Am Fellmuster. Es ist so individuell verschieden wie der Fingerabdruck beim Menschen. Die seit 2006 in Baden-Württemberg aufgetretenen Luchse, mindestens sechs an der Zahl, kamen aus der Schweiz und waren Männchen. Dieses Verhalten ist typisch für den Luchs: Als Jugendlicher erkundet er die Welt. Das ist eine Art inneres Programm, männliche Luchse versuchen damit, Kontakt zu anderen Tieren zu bekommen. Weibchen gehen nicht so weit. Wenn die männlichen Tiere keinen Anschluss finden, gehen sie meist wieder in ihr Stammgebiet zurück. Das ist auch eine der zentralen Forschungsfragen bei Friedl und Tello: Gehen sie wieder in die Schweiz zurück oder bleiben sie im Ländle?

Wächst der Bestand?

Von einem Bestand kann man nicht reden. Es sind einzelne Tiere, deren Anzahl in Baden-Württemberg in den vergangenen zwei Jahren deutlich gestiegen ist. Das liegt unter anderem daran, dass die Population im Schweizer Jura stark gewachsen ist. Wenn relativ viel Überschuss produziert wird, sind junge Luchskuder gezwungen, sich irgendwo anders anzusiedeln.

Müssen wir mit anderen Einwanderern rechnen? Auch mit Wölfen?

Die sind längst da. Es sind schon zwei Wölfe in Baden-Württemberg nachgewiesen worden – allerdings waren dies Totfunde, da sie im Juni und November 2015 überfahren wurden. Es waren Brüder und Nachkommen eines Rudels, das in Graubünden lebt. Mit Wölfen rechnen wir also jeden Tag, nur dass der Nachweis fast noch schwieriger wird als beim Luchs, da zum Beispiel das Aussehen und die Fährte eine große Verwechslungsgefahr mit Hunden birgt. Die Wolfspopulationen in Mitteleuropa bereiten sich aus. Mittlerweile gibt es in Deutschland etwa 300 Wölfe, vor allem in Ost- und Norddeutschland, die sich aus Polen und Russland ausgebreitet haben. Eine zweite Ausbreitungsbewegung kommt aus Italien über Frankreich und die Schweiz. Da Wölfe sehr weit wandern können, mehrere hundert Kilometer, können wir auch bei uns jederzeit mit ihnen rechnen.

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