Die Tuttlinger Krähe flattert seit Dienstagabend in der Angerhalle in Möhringen schon im 19. Jahr. Zum Auftakt konkurrierten Michael Tumbrinck, Andrea Volk, Inka Meyer und der Bauchredner Tim Becker samt drei seiner Geschöpfe um die Gunst der Juroren und der rund 400 Zuschauer.

„Gut, gut, aber leider nicht perfekt“, sang Michael Tumbrinck in seiner Rolle als gnadenloser Coach. Der selbsternannte „renitente Charakter“ setzte sich streng mit der Demokratiebedrohung „Big Data“ auseinander, und begab sich mit seiner Analyse der PoCs (People of Colour, früher „Farbige“) auf „gaaanz dünnes Eis“. Als die Lacher ausblieben, fragte der 48-jährige Münsteraner: „Kommen Sie noch mit. Oder bin ich schon allein unterwegs?“ Eine Besucherin empfand seine Art als „doch arg sarkastisch“. Mehr Resonanz fand der zweite Teil seines halbstündigen Auftritts: Da gab Tumbrinck einen Gescheiterten, schlurfte in Aldiletten über die Bühne, sinnierte über die Abschaffung des Bargelds und über die Chancen eines alternativen Aktienindexes namens NIX.

Jede Menge Lachsalven dagegen erntete die Kabarettistin Andrea Volk mit Auszügen ihres aktuellen Programms „Feier-Abend! Büro und Bekloppte“. Die 55-Jährige fand genau den richtigen Ton und die Sprechgeschwindigkeit und untermalte ihre Pointen mit gelungenen Gesten-Gags. Selten wurde eine Warteschleifen-Melodie so melodisch parodiert, wurden hochgepriesene Neuerungen im Bürowesen so herzhaft durch den Reißwolf gejagt. Wer die Volk als Kollegin hat, kann sich nur noch mit Hochprozentigem trösten. Doch dabei könnte es zur Organverschiebung kommen, befürchtete die gebürtige Ruhrpottlerin: „Dann ist die Leber im Arsch“. Das Tuttlinger Publikum kreischte vor Vergnügen. Im gut gefüllten Terminkalender auf der Homepage Volks ist der 7. April geblockt: „ggf. Finale Tuttlinger Krähe“. Die Chancen stehen nicht schlecht.

10 500 Euro Preisgeld winken

Aus Erlangen stammt Inka Meyer, 39, die in das Repertoire ihres Programms „Der Teufel trägt Parka“ griff, um nach der Krähe zu jagen. Sie mixte Politisches mit Klamotten-Beratung und mokierte sich über die Strampelei in Richtung gendergerechte Ausdrucksweise: „Ist die Sprache endlich fair, versteht sie leider keiner mehr“. Dabei redete sie zeitweise sehr schnell, fuchtelte viel mit den Händen. Ein bisschen lang geriet die Lesung aus fiktiven E-Mails besorgter Eltern zum Thema: „Biokiste oder Aldi-Obst?“ bei Proben zum Kindertheater.

Als versierter Bauchredner und origineller Puppenspieler erwies sich Tim Becker, der trotz vorgerückter Stunde das Publikum in seinen Bann zog. Ob er mit Alt-Hippie Joe über den Geschmack von Katzenstreu debattierte „voll crunchy, ey“ oder die These „Lieber Gras rauchen als Heu schnupfen“ erörterte, oder sich von der Weddinger Kanalratte „Konstantin“ im Edelpunk-Outfit den Weg zum Musicalstar erklären ließ – Applaus und herzliches Lachen folgten auf dem Fuß. Karl K. Ninchen, der dritte von den acht „Gesprächspartnern“ Beckers in seinem Programm „Tanz der Puppen“, setzte dem 38-jährigen Lübecker gehörig zu: Rotzfrech gab der Zauberhase seinem „Herrchen“ Zunder. Köstlich.

Stolze 10 500 Euro winken als gespendetes Preisgeld vier der zwölf diesjährigen Kandidaten, wie Moderator Archie Clapp berichtete. Der Sonderpreisträger der „Krähe 2017“ mit der eigenwilligen Haartracht informierte über die Regeln, stellte die Jury vor und dankte allen am Kleinkunstpreis Beteiligten. Nur scheinbar verplapperte er sich, als er sagte, dass der Schöpfer und Spender des begehrten bronzenen Federviehs, der Tuttlinger Bildhauer Roland Martin, die 90 bereits überschritten hat. Auch Clapp sorgte für Gelächter in der Angerhalle mit kurzen Auszügen aus seiner Familien-Comedy „Scheiße, Schatz, die Kinder kommen nach Dir!“

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