Die ersten Stolpersteine sind verlegt

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Schwäbische Zeitung
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Die ersten fünf Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig, die an Tuttlinger Opfer der nationalsozialistischen Diktatur (1933 - 1945) erinnern, sind am Dienstag in den Boden eingelassen worden. An vier Standorten in der Innenstadt erinnern diese an Pauline Dold geb. Koßmann (1888 - 1940), Franz Klaiber (1897 - 1940) und Albert Ulrich (1904 - 1940), die als Behinderte in der Anstalt Grafeneck ermordet wurden, an den Kommunisten Reinhold Rall (1907 - 1934) sowie den Zwangsarbeiter Anoni Midinski (1898 - 1943).

Für Tuttlingens Oberbürgermeister Michael Beck war die Stolperstein-Verlegung ein „ganz besonderes Ereignis“. Allein in Grafeneck seien 10 000 Menschen mit einer Behinderung oder psychischer Erkrankung von den Nazis ermordet worden. Daher sei es gut, dass die Euthanasie-Opfer jetzt ins Blickfeld gerückt seien. „Viele waren dabei, alle haben es gewusst“, machte Beck unmissverständlich klar.

Auch wenn in Tuttlingen die geschichtliche Aufarbeitung der schwärzesten Zeit der deutschen Geschichte schon länger betrieben wird, so hat sie im Jahr 2014 mit der Eröffnung des Gedenkpfads zum Lager Mühlau ein äußeres Erscheinungsbild bekommen. „Im vergangenen Jahr haben wir den Julius-Fröhlich-Platz eingeweiht, der an den letzten aus Tuttlingen emigrierten Juden erinnert. Jetzt kommen die Stolpersteine“, sagte Beck.

Für den OB kommen die Stolpersteine 71 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der NS-Diktatur nicht zu spät. „Das ist eine lange Zeit, wir haben aber in der Stadt in den vergangenen Jahren versucht, die Erinnerungskultur in den Blickpunkt zu nehmen und damit auch für die Nachgeborenen ein Stückweit die Vergangenheit wieder sichtbar zu machen“, sagte er. Da die Stolpersteine in den Boden vor den Häusern eingelassen werden, in denen die Getöteten gelebt haben, müsse man sich vor ihnen verbeugen, um ihre Namen zu lesen.

Albrecht Dapp, langjähriger Chefarzt der Medizinischen Klinik am Klinikstandort Spaichingen, betonte, dass mit den Stolpersteinen auch seiner Großmutter Gerechtigkeit widerfahren würde. Sie wurde ebenfalls als Opfer des nationalsozialistischen Euthanasie-Wahnsinns ermordet. Er wie einige andere Angehörige der Opfer sowie zahlreiche Stadträte und Interessierte wohnten der Stolperstein-Verlegung am Dienstag bei. „Das war Mord. Es sind damals schreckliche Verbrechen begangen worden“, betonte Dapp.

80 bis 90 Prozent der Hausbesitzer würden dem Anbringen einer Gedenktafel für die ehemaligen Bewohner und Opfer der Nationalsozialisten niemals zustimmen: „Daher die Idee, in den öffentlichen Straßenraum zu gehen“, sagte Demnig. Die Stolpersteine würden von den Bürgern initiiert und über Spenden finanziert.

Demnig kam am Montag über Lahr und Pforzheim, wo er ebenfalls Stolpersteine in den Boden setzte, nach Tuttlingen. Mehr als 58 000 hat der Künstler in den vergangenen 20Jahren in 20Ländern verlegt. „Sie sind flächenmäßig das größte Mahnmal. Sie ermahnen uns, nicht wegzuschauen“, betonte Beck. Das sei etwa in den 1960er-Jahren, in der Zeit des Wegschauens und Verdrängens, noch ganz anders gewesen.

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