Der Wahnsinn feiert eine Party

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Die Zuhörer hingen an den Lippen von Geschichtenerzählerin Birgit Leibold.
Die Zuhörer hingen an den Lippen von Geschichtenerzählerin Birgit Leibold. (Foto: Claudia Steckeler)
Claudia Steckler

Sinniges, Unsinniges, Wahnsinniges über das Leben und die Liebe: Mit den von Birgit Leibold erzählten „Sommerblauen Geschichten“ ist am späteren Sonntagnachmittag der Veranstaltungsreigen im Zelt am Festplatz beendet worden. ProTUT, Stiefels Buchladen und der Rittergarten-Verein haben mit ihrem ansprechenden Programmmix aus Lesungen, Musik, Vorträgen, Theater und Kindertag auch in diesem Jahr wieder mit den jeweils sehr gut besuchten Höhepunkten einen tollen Beitrag zur Veranstaltungsreihe „Sommer im Park“ geliefert.

„Als Stiefel mich fragte, ob ich einen Knopf na mache will an die Veranstaltungen im Zelt, habe ich nicht lange überlegt und zugesagt“, erklärte Birgit Leibold den zahlreichen aufmerksamen Zuhörern am Sonntag-nachmittag. Dass sie keineswegs ein „Ersatzknopf“ war, das bewies die gelernte Geschichtenerzählerin von Anfang an. Im voll besetzten Zelt ließen sich die Zuhörer gerne mitnehmen auf die Reise durch eine zauber-hafte Geschichtenwelt, vorgetragen von einer fabelhaften Erzählerin.

Sich zurücklehnen, zuhören, sich von Beginn an fallen lassen und abschalten – und dabei staunend die mit subtiler Gestik und Mimik, in abwechslungsreichem Rollen- und Sprachspiel, mit viel Gefühl für die jeweilige Situation, vorgetragenen Geschichten an- und einfach aufnehmen wie ein Kind: Birigit Leibold schaffte es mühelos, die Zuhörer zu begeistern und zu fesseln, sie an ihren Geschichten teilhaben zu lassen. Egal ob sie mit dem kleinen Ali, der die Mondsichel aus dem tiefen Brunnen befreite, in den Orient entführte, oder das bezaubernde Andersen-Märchen vom „Mistkäfer Karl“ vortrug, die Besucher hingen sprichwörtlich an ihren Lippen.

Selbst die altbekannte 200 Jahre alte Geschichte vom Tuttlinger Handwerksburschen Kannitverstan von Johann Peter Hebel, „die zu Tuttlingen gehört wie der Deckel zum Topf“, wie Birgit Leibold feststellte, wollten die Zelt-Gäste auf jeden Fall hören. Von Birgit Leibold vorgetragen, erschien sie wieder in einem völlig neuen Licht, mit neuen Aspekten. Begeisterter Applaus bestätigte der Erzählerin auch in diesem Fall, dass sie die richtige Auswahl getroffen hatte.

Geschichten entwickeln ihren eigenen Lauf

Dabei erklärte sie ihren Zuhörern auch, dass sie die Geschichten nicht auswendig gelernt habe: „Ich sehe wie in einem Film die einzelnen Bilder vor mir, die ich immer wieder ab-spiele. Die Geschichten entwickeln ihren eigenen Lauf, der immer wieder etwas variieren kann“, bemerkte Leibold. Dabei wurde der Sinn und die Nachricht nicht vergessen. Auch bei der Geschichte über den Vater, seinen Sohn und ihrem Esel, an deren Ende die Botschaft stand: „Es wird immer jemanden geben, dem es nicht gefällt, was und wie wir es tun. Höre auf dein Herz und handle danach.“

Dass alle gerne essen und trinken, es lieben, zusammenzukommen und zu feiern, das wurde Birgit Leibold auf deren Frage von den Besuchern im Zelt sofort bestätigt. Dass alle einen ständigen Begleiter in ihrem Leben haben, manche einmal pro Woche, andere einmal pro Monat, andere wiederum täglich – nämlich den Wahnsinn –, auch das wurde lachend bestätigt. Und genau dieser Wahnsinn feierte zum Ende der Veranstal-tung eine Party, bei der alle anwesend waren:

Euphorie und Begeisterung, Feuer und Flamme, Zweifel und Unsicherheit, Neugierde und Schlauheit, Glaube und Triumph, Schönheit, Freiheit und Glück, Lüge, Furcht und Unsicherheit, Stolz und die Langeweile, die ein Versteckspiel vorgeschlagen hatte, an dem sich alle beteiligten – außer der Stress. Am Ende hatte der suchende Wahnsinn alle in ihren Verstecken gefunden – nur die Liebe nicht. Als er sie im Rosenbusch aufspürte, verletzte er sie, so dass sie blind wurde. Tief betrübt versprach er der Liebe, dass er sie von nun an ein Leben lang begleiten werde, und so endete ein kurzweiliger, faszinierender Erzählabend mit dem be-kannten und gängigen Spruch, „dass die Liebe blind macht und der Wahnsinn ihr ständiger Begleiter ist.“

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