„Das war die schönste Zeit meines Lebens“

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Immer noch treffsicher: Kurt Baumgartner hat die laten Boxhandschuhe noch mal übergestreift. (Foto: David Zapp)
Schwäbische Zeitung

Flink, beweglich und kaum zu treffen: So haben ihn seine Gegner in Erinnerung. Box-Legende Kurt Baumgartner aus Tuttlingen hat mit seinen Fäusten nicht nur die regionale Box-Szene aufgemischt. Der gebürtige Österreicher stieg bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko City für den Alpenstaat in den Ring. Auch wenn sein Olympiatraum anno '68 jäh beendet war, so erinnert sich „Baumi“ – wie die Fans von Kurt Baumgartner bei seinen Kämpfen lautstark skandierten – immer wieder gern zurück an die Zeit in Mexiko und an die große Familie im olympischen Dorf.

In Runde zwei ist Schluss

1968, Mexiko City: Der 25-jährige Halbschwergewichts-Boxer hat sich bereits ein Jahr zuvor bei den Europameisterschaften in Rom für die Spiele qualifiziert. Den Auftaktkampf bei Olympia gegen Saungalo Babayoko aus Mali gewinnt Baumgartner souverän. In der zweiten Runde trifft Baumgartner auf den Italiener Walter Facchinetti. In der Hitze des Gefechts, wie sich Baumgartner erinnert, trifft Facchinetti in Runde eins ein Kopfstoß. „Ich habe gekämpft wie ein Löwe, und er war viel größer als ich. Da passiert so was“, sagt Baumgartner. In Runde zwei lässt sich der Italiener nach einem regelwidrigen Tiefschlag des Österreichers zu Boden sinken und bleibt liegen. Baumgartner wird vom Ringrichter disqualifiziert und verliert den Kampf. Für den Neu-Tuttlinger ist Olympia vorbei.

Trotzdem behält er die Zeit im olympischen Dorf in guter Erinnerung. „Das war die schönste Zeit in meinem Leben. Das kann niemand nachvollziehen, der nicht selbst dabei gewesen ist“, strahlt der Rentner. Gern schwelgt der heute 69-jährige Rentner in Anekdoten „seiner“ Spiele in Mexiko. Im Flur seines Hauses hängen sie alle, die alten Schwarzweiß-Fotos, die beispielsweise an den Faustkampf gegen den Olympiasieger von 1964 Cosimo Pinto erinnern oder seinen Auftaktsieg 1968 gegen Babayoko. Auch ein Panoramafoto vom Olympiastadion und ein Sombrero zieren die Wand seiner Erfolge.

Olympia sei damals etwas ganz Anderes gewesen. In Baumgartners Augen funkelt es. „Wir waren alle wie eine große Familie im Olympischen Dorf“, sagt er. Jeden Tag habe er mit Sportlern anderer Nationen zusammen trainiert. Und trotz der Rivalität im Ring habe eine große Kameradschaft unter den Sportlern geherrscht. So kommt es auch, dass Baumgartner als Sparringspartner für den Schwergewichtsboxer George Foreman, der bei jener Olympiade die Goldmedaille erringt, herhalten darf. Jener Foreman, der später als Profi-Boxer gegen Muhammad Ali kämpft. Freundschaften seien dort entstanden, und die Olympischen Spiele waren damals noch Spiele für Amateur-Sportler. „Profis waren 1968 nicht am Start so wie heute. Da geht es mehr um die große Show und ums Geld. Damals ging es uns um den Sport“, sagt Baumgartner, der zu Boxer-Zeiten hauptberuflich das Metzgermesser schwingt und den Sport nebenher ausübt. „Das stimmt nicht ganz. Ich habe jeden Tag trainiert wie ein Irrer, bin zigmal den Honberg raufgelaufen, habe Krafttraining gemacht“, erinnert er sich lebhaft.

Eine Teilnahme ist für viele Sportler der Traum und der Höhepunkt der Karriere, auch ohne Medaille. Für Baumgartner ist die Teilnahme bei den Olympischen Spielen am anderen Ende der Welt ein einmaliges Erlebnis gewesen. „Ohne den Sport wäre ich dort nie hingekommen. Und dazu gehört immer auch das Quäntchen Glück. Nur Talent reicht nicht aus, um nach ganz oben zu kommen“, sagt Baumgartner.

Der Faustkämpfer, der 1969 vom Halbschwergewicht ins Schwergewicht wechselte, weil niemand mehr gegen ihn antreten wollte, weiß, worauf es beim Boxen ankommt: Nicht die dicken Muckis machen einen Boxer zum Sieger, sondern ein gutes Auge, schnelle Reaktionen und Schnelligkeit. „Und man muss den Boxer in sich drin haben“, weiß Baumgartner. Er bezeichnet Boxen als harten, aber schönen Sport, wenn man die Technik beherrsche. Dank seiner Wendigkeit und seines guten Auges sei er vor Verletzungen verschont geblieben. „Ich habe meinen Kopf immer gut geschützt“, sagt Baumgartner, „somit sah ich nach Kämpfen manchmal aus, als habe ich gar nicht geboxt.“

Die Sportvereine ASV Tuttlingen, SV 08 Spaichingen und Boxing Villingen-Schwenningen bieten Boxsport-Training an. Infos unter www.asv-tuttlingen.de

www.svspaichingen.de

www.boxring-vs.de

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