Das Nendinger Gasthaus „Bock“ ist Geschichte

Lesedauer: 5 Min
Simon Schneider

Die letzten Kegel sind längst gefallen im Gasthaus „Bock“. Was folgt ist ein Abriss, der in die Nendinger Geschichtsbücher eingehen wird. Denn: Das Gasthaus „Bock“ in der Mühlheimer Straße fällt in diesen Tagen dem Bagger zum Opfer. Auf dem Grundstück will die Familie Schilling ein Gebäude mit sechs Wohnungen und Garagen errichten.

Egal ob Familienfeiern, Hochzeiten, Vereinsfeste bis weit nach Mitternacht und Stammtischabende – viele Menschen aus Nendingen und der gesamten Region verbinden private Erlebnisse, die sie im Gasthaus „Bock“ erlebt haben. Das Gebäude liegt direkt an der Ortsdurchfahrt, wo täglich rund 14 000 Fahrzeuge vorbeifahren. Der „Bock“ galt als ein Wahrzeichen Nendingens. Durch den Abriss ändert sich also das Erscheinungsbild an der Ortsdurchfahrt.

Alles was übrig bleibt, sind viele Erinnerungen an die rund 200 Jahre alte Geschichte des Gasthauses, in dem die Kegelbahn immer ein fester Bestandteil und Merkmal war. Diese ist 1838 zum ersten Mal in den Geschichtsbüchern erwähnt worden. Zunächst im Besitz von Geometer Raimund Wax, kaufte 1897 August Huber das Gebäude, der von dort an als „Bockwirt“ die Gäste bediente. Hubers Tochter Maria heiratete 1907 Christian Schilling.

Seither ist das Gebäude in den Händen der Familie Schilling. Jahrzehnte lang stand Christian Schilling hinter der Theke, ehe er es seinem Sohn Xaver übergab. „Mein Vater hat gemeinsam mit meiner Mutter Susanna das Gasthaus 56 Jahre lang bis 2006 als Bockwirt betrieben“, erinnert sich der 66-jährige Karl Schilling, besser bekannt als „Bock-Karle“. Mehrmals wurde das Gebäude umgebaut, renoviert, der Gastraum erneuert und andere Eingänge gebaut. 1965 wurde eine vollautomatische Kegelbahn eingebaut. Die letzte Sanierung und Modernisierung des Gebäudes fand 1974 statt. Das letzte Bier von Xaver Schilling wanderte im Januar 2006 über die Theke. Seither steht die Gastwirtschaft leer. Xaver Schilling verstarb 2015, seine Frau bereits drei Jahre zuvor.

Die Familienwohnung blieb somit in den vergangenen vier Jahren unbewohnt. Deshalb machte sich die Familie um Karl Schilling Gedanken, wie es weitergehen soll. „Wir wollten das Gebäude nicht leer stehen lassen. Eine Sanierung hätte sich wirtschaftlich nicht gelohnt. Deshalb haben wir beschlossen, das Gebäude abzureißen“, sagt Karl Schilling. Leicht gefallen sei ihm das nicht. „Wir haben das Gebäude in den vergangenen sechs Monaten selbst ausgeräumt und für den Abbruch vorbereitet. Dabei sind viele Erinnerungen bei mir wach geworden. Für mich persönlich waren die vergangenen Monate sehr emotional und intensiv“, schildert er wehmütig. Während der Ausräumphase habe er mehrmals inne gehalten und die Zeit mit vielen Erinnerungsgegenständen und Bildern zurückgedreht.

Seit vergangenem Montag reißt der Bagger an diesem historischen Gebäude Meter für Meter die Hauswände ab. Direkt nach dem Abriss soll laut Familie Schilling mit dem Neubau von sechs Wohnungen mit 80 und 90 Quadratmetern Fläche begonnen werden. Das neue Gebäude werde ein Stockwerk höher als das Gasthaus „Bock“ war und auch ein Aufzug werde installiert. Außerdem werden sechs Garagen und genauso viele Stellplätze gebaut. Das Gebäude bekommt zwei Eingänge, wobei der Haupteingang für die Hausbewohner, die Garagen und Stellplätze hinter dem Gebäude liegen und nicht unmittelbar an der Ortsdurchfahrt. Die Familie Karl Schilling mit ihrem 36-jährigen Sohn Sven, dem Hauptinitiator des Neubaus, rechnet mit der Fertigstellung des Neubaus im Frühjahr 2021.

Übrigens: Das Eck zwischen Altentalstraße, Mühlheimer Straße und Antoniusstraße werde durch den Neubau entschärft, der Gehweg werde breiter. Damit wird der gefährliche Kreuzungsbereich, an dem werktags rund 14 000 Fahrzeuge vorbeifahren und den viele Fußgänger überqueren, für alle Verkehrsteilnehmer übersichtlicher.

Meist gelesen in der Umgebung
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen