Das Kleinkunstfestival Tuttlinger Krähe feiert Geburtstag

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 Miss Allie, eine der Krähe-Gewinnerinnen.
Miss Allie, eine der Krähe-Gewinnerinnen. (Foto: arc)
Schwäbische Zeitung

Die „Tuttlinger Krähe“ zählt zu den gefragtesten Preisen der Kleinkunst-Szene im deutschsprachigen Raum und hat Preisträger wie Florian Schroeder, Torsten Sträter, Matthias Egersdörfer oder Lars Reichow hervorgebracht. In diesem Jahr wird der 20. Geburtstag der Krähe begangen. Redakteurin Ingeborg Wagner fragte bei Michael Baur von den Tuttlinger Hallen nach, der auch in der Jury sitzt, wie das Festival zu dieser Bedeutung gekommen ist. Und wie gefeiert wird.

Wie lange hat es diesmal gedauert, bis die Dauerkarten weg waren?

Das waren nur zwei bis drei Tage. Wobei die nummerierten Plätze – das sind rund 60 – am schnellsten weg waren. Das ging maximal eine Stunde. Insgesamt verkaufen wir knapp über 100 Dauerkarten, wollen die nummerierten Plätze aber begrenzen, um diese ganz eigene Atmosphäre zu bewahren. Wenn alle Zuschauer erst fünf Minuten vor acht erscheinen würden, dann wäre diese besondere Stimmung weg, die Gespräche, die Begegnungen mit anderen Kulturfreunden und Künstlern. Das ist aber typisch Kleinkunst und gehört dazu.

Gibt es für das Jubiläumsjahr noch Einzeltickets?

Im Moment sind für alle vier Abende noch Einzelkarten zu haben, inklusive des Preisträgerabends. Ich schätze zwischen 50 und 70 pro Abend. Seit ein bis zwei Jahren holt uns der Fluch ein, dass die Leute meinen, die Krähe sei ohnehin immer sofort ausverkauft und es lohne sich gar nicht, nach Karten zu fragen. Ich habe aber keine Zweifel, dass auch diesmal wieder am Ende alle Abende bis auf den letzten Platz besetzt sein werden. Nur dauert der Vorverkauf halt ein bisschen länger.

Sie waren von Anfang an dabei: Ab wann konnten Sie sagen, jawohl, die Krähe hat sich überregional etabliert?

Ab dem dritten oder vierten Jahr. Das haben wir daran gemerkt, dass die Zahl der Künstler, aber auch Agenturen und Künstlermanagements, die von sich aus Bewerbungen schickten, deutlich stieg. Das hing auch damit zusammen, dass unter den Preisträgern der ersten drei Jahre Namen waren, die mächtig Karriere gemacht haben. Bodo Wartke aus dem ersten Krähe-Jahr füllt bis heute bei uns den Großen Saal, die Alte Oper in Frankfurt oder das Kommödchen in Düsseldorf. Horst Evers hat im zweiten Jahr gewonnen, ihn sieht man regelmäßig im Fernsehen. Christiane Weber und Tim Beckmann haben nach ihrem Preis bei der Krähe bundesweit alles an Auszeichnungen abgeräumt, was es nur zu gewinnen gab. Und Mario Barth im dritten Jahr hat danach zumindest riesigen kommerziellen Erfolg gehabt. Was künstlerisch aus ihm wurde, da decken wir lieber das Mäntelchen des Schweigens darüber. Alles in allem ist das vor allem auch eine Auszeichnung für unsere Juroren. Sie haben oft den richtigen Riecher gehabt.

Wie war es denn im ersten Krähe-Jahr, also 2001?

Vor allem einsam, denn das Publikum hat uns anfänglich leider im Stich gelassen. Pro Abend waren nur etwa 30 zahlende Gäste im Saal. Nimmt man die Menschen hinter den Kulissen und die Künstler zusammen, dann waren das zahlenmäßig fast mehr als Zuschauer. Ab dem vierten Jahr waren wir dann ständig ausverkauft. Per Mund-zu-Mund-Propaganda hatte sich herumgesprochen, was für eine wunderbare Veranstaltung die Tuttlinger Krähe ist.

Haben Sie in den Jahren am Ablauf geschraubt?

An der Organisation der Krähe haben wir über die Jahre hinweg eigentlich nur wenig verändert. Die größte Veränderung gegenüber der Premiere war sicherlich, dass wir ab dem Jahr 2009 mit professionellen Moderatoren gearbeitet haben. Anfangs waren es noch Amateure. Uns war schnell klar, dass wir das ändern müssen.

Erinnern Sie sich noch an die ersten Preisträger?

Gewinner 2001 war Frank Sauer aus Freiburg. Er steht bis heute bundesweit auf Kleinkunstbühnen, hat es allerdings nicht bis in die ganz großen Hallen geschafft. Publikums- und Sonderpreis gingen bei der Premiere an Bodo Wartke.

Wie viele Bewerbungen haben Sie im Jahr für die drei Abende Krähe?

Knapp unter 100. Das ist eine tolle Zahl, denn dieses Pensum kann man den Juroren, die das ehrenamtlich machen, noch zumuten. Bis Ende Oktober treffen wir eine Auswahl der zwölf Künstlern, die an drei Abenden live auftreten dürfen und informieren sie darüber, dass sie im Finale der Krähe stehen. Die eigentlichen Preisträger ermittelt die Jury dann erst anhand der Liveauftritte. Dieser eine Auftritt zählt.

Es gibt einen ersten und zweiten Preis, einen Sonderpreis der Jury und einen Publikumspreis. Wie oft decken sich Geschmack von Publikum und Jury?

Dass der erste Preis und der Publikumspreis zusammenfallen, das war 2004 bei Maledviva das erste Mal der Fall. Das Duo gibt es heute gar nicht mehr. 2010 hatte Sascha Grammel Jury und Publikum auf seiner Seite, 2012 Heinrich del Core. 2015 gelang das dem holländischen Duo Stenzel und Kivits.

Wie wird der 20. Geburtstag gefeiert?

Was wir genau im April machen während des 20. Wettbewerbs, wissen wir noch gar nicht. Ich denke aber, dass es die eine oder andere Überraschung geben wird. Groß gefeiert wird später: Im Oktober gibt es eine Jubiläums-Gala, zu der wir die Gewinner der letzten zehn Jahre eingeladen haben. Die Gala ist seit Monaten ausverkauft. Suchtpotenzial sind dabei, Sascha Grammel, Miss Allie auch. Sie gestalten ein Programm, das es so nur einmal geben wird. Teilweise werden sie auch Nummern zusammen machen. Die Krähe steht dabei im Mittelpunkt, und ausnahmsweise ist diese Krähe-Veranstaltung in der Stadthalle und nicht wie sonst in der Angerhalle.

Auch von den Preisgeldern her ist die Krähe sehr attraktiv.

Und seit diesem Jahr noch viel attraktiver. Wir sind ohnehin einer der bei bestdotierten Kleinkunstpreise gewesen und haben nun nochmals drauflegen und das Preisgeld von 10 500 Euro auf 16 000 Euro steigern können. Rechnet man die Aufwandsentschädigungen hinzu, die die Stadt Tuttlingen beisteuert, dann ist die Krähe mit insgesamt rund 25 000 Euro dotiert. Damit sind wir unter den Top 5 bundesweit. Möglich wurde das dadurch, dass unsere Sponsoren bereit waren, uns nicht nur die Treue zu halten, sondern sogar mit mehr Geld zu unterstützen. Und das in Zeiten, in denen die Wirtschaft etwas nachgibt. Wir standen auch ein wenig unter Zugzwang, denn wir hatten zehn Jahre lang nicht mehr erhöht. Ein Wettbewerb lebt auch immer davon, wie gut dotiert er ist. Machen wir uns nix vor: Nur unser guter Name alleine reicht da auch nicht.

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