Das Ende einer Schiedsrichter-Karriere

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Der Original-Zeitungsbericht vom 9. September 2002. (Foto: Archiv)
A. Lothar Häring

In jenem Jahr, in dem Karl-Heinz Mundinger seine Karriere als Fußballschiedsrichter startete und seine Karriere als Torwart noch nicht beendet hatte, wurde seine jüngste Tochter geboren. Jetzt, da sie gerade 18 (und die ältere 23) geworden ist, hat der Vater sein Ehrenamt aufgegeben – unplanmäßig und einigermaßen unvermittelt.

Dazwischen liegen annähernd tausend Einsätze mit der Trillerpfeife und ein ziemlich verpfuschtes Familienleben. Wenn der Kundendienstmonteur aus Herbolzheim, mittlerweile 52 Jahre alt, zurückblickt, dann wundert er sich schon, mit welcher Konsequenz er damals die Prioritäten gesetzt hat: „Als ich morgens ging, haben die Kinder noch geschlafen und als ich abends heimgekommen bin, habe ich meistens schnell die Sporttasche gepackt und bin wieder gegangen.“

Karl-Heinz Mundinger entschied sich – bewusst oder nicht – für das Leben als Schiedsrichter. „Ich habe das ernst genommen“, sagt er. Und so war es nur folgerichtig, dass er den hohen Preis akzeptierte: zweimal Training pro Woche, oft genug Spiele am Samstag und am Sonntag. Es kam auch schon mal vor, dass der Familienvater zum Beispiel am Ostermontag von 11 bis 21 Uhr unterwegs war.

Schöne Erinnerungen gegen Sinnkrise

Zu höheren Ehren reichte es trotzdem nie. Mundinger waltete in den Niederungen der Bezirks- und Kreisligen seines Amtes. Den Spaß konnte ihm das nicht verderben. Und wenn sich mal wieder die Sinnkrise einstellte, dann versetzte er sich einfach gedanklich in jene Augenblicke seiner Karriere, die er „Highlights“ nennt: Die Einsätze als Linienrichter bis in die Oberliga, das bedeutete für Karl-Heinz Mundinger ein Stück große weite Welt. „Da herrschen ganz andere Umgangsformen, da kriegst du Essen, da wirst du richtig hofiert, das hat Stil“, schwärmt er noch heute mit leuchtenden Augen – und lässt erahnen, wie sehr auch und gerade der Schiedsrichter anfällig ist für Anerkennung und Eitelkeit.

Das Ende einer Schiedsrichter-Karriere
Das Ende einer Schiedsrichter-Karriere (Foto: Shutterstock)

Aufhören war nie ein Thema. Erst recht nicht, als seine Frau das alles nicht mehr mitmachte und die Scheidung einreichte. Jetzt hatte er noch mehr Freiheiten für sein „Hobby“.

Es gibt in jedem Spiel mal Unstimmigkeiten. Karl-Heinz Mundinger

Karl-Heinz Mundinger machte die Erfahrung aller Schiedsrichter. Er wurde verspottet, beschimpft, beleidigt und gedemütigt – 16 Jahre lang, Spiel für Spiel. Dennoch hatte er viel Freude am Amt. Im Grunde war das sein Leben, hier fand er die Erfüllung, die Bestätigung, die er suchte – Spiel für Spiel. Er war Schiedsrichter aus Leidenschaft.

Die Stimmung kippt

Dann kam jener 18. April 1999, eigentlich ein Routineauftrag: FC Elz-ach II gegen TSV Waldkirch, Kreisliga B. Lange läuft alles wie immer, doch mit einem Mal kommt Hektik auf. „Es gibt in jedem Spiel mal Unstimmigkeiten“, denkt Karl-Heinz Mundinger sich noch. Dann – es ist die 62. Minute – verweist er mit jener Konsequenz, die ihm auf dem Fußballplatz zu eigen ist („In kitzligen Situationen musst du hinstehen und sagen: So ist es! Auch wenn manche einen dicken Hals bekommen.“), zwei Waldkircher Spieler des Feldes. Den einen wegen groben Foulspiels, den anderen wegen der Anrede „du Drecksau“; ein klarer Fall von Schiedsrichterbeleidigung.

Die teuersten Fußballer aller Zeiten

Doch diesmal ist alles anders als sonst, plötzlich beginnt der Alptraum aller Schiedsrichter Wirklichkeit zu werden: „Du Schwein“, schreit ein Waldkircher. „Ich mach’ dich tot“, brüllt dessen Mitspieler und stürzt wie von Sinnen auf den Schiedsrichter zu, der mit dem Rücken zum Angreifer steht. Bis heute weiß Karl-Heinz Mundinger nicht richtig, wie ihm geschehen ist. Seine Erinnerungen reduzieren sich auf eine vergleichsweise lapidare Formel: „Ich bekam einen Schlag ans Kinn, dann war für mich der Film zu Ende.“ Gesichert ist das: Der Mann in Schwarz sinkt zu Boden wie von einer Axt gefällt und bleibt ohnmächtig im Dreck liegen.

Dir wird das Lachen schon noch vergehen. Karl-Heinz Mundinger

Erst in der Schiedsrichterkabine kommt er wieder zu Bewusstsein – auf der Rotkreuz-Trage, über sich lauter Gesichter, die fassungslos auf ihn herunterstarren. Der Arzt diagnostiziert ein Kurz-Koma und einen Bruch des linken Kiefers. Für Mundinger beginnt eine – aus seiner Sicht – nicht enden wollende Leidenszeit. Sein Mund wird von hinten nach vorne und von unten nach oben verdrahtet, zehn Tage kann er nicht reden und nur noch flüssig ernährt werden, ganz zu schweigen von all den psychischen Nebenwirkungen.

Kämpfer mit Gerechtigkeitssinn

Auf der Anklagebank im Saal 15 des Amtsgerichts Waldkirch sitzt ein schmächtiger Jüngling von 20 Jahren. Die Annahme, er habe seine Verachtung gegen Schiedsrichter mit der damaligen Attacke eventuell abreagiert, ist offenbar völlig abwegig. Der Täter zeigt nicht einmal Ansätze von Schuldgefühlen oder gar Reue. Die Wiederbegegnung mit dem Opfer quittiert er mit einem höhnischen Grinsen. Karl-Heinz Mundinger wahrt, ganz Schiedsrichter, die Fassung. Was in ihm vorgeht, verrät er später andeutungsweise: „Dir wird das Lachen schon noch vergehen.“

Die demonstrative Gelassenheit bezieht er aus einem Rollenverständnis. Er fühlt sich als Kämpfer für eine gerechte Sache, er weiß das Gesetz auf seiner Seite, so wie er als Schiedsrichter immer das Regelwerk auf seiner Seite wusste und daraus seine Kraft, seine Stärke, ein Gutteil seines Selbstwertgefühls und auch ein gewisses Überlegenheitsempfinden geschöpft hat.

Ein Akteur des FC Elzach schilderte im Zeugenstand, was viele auf dem Fußballplatz gesehen haben: „Der Spieler mit der Nummer 12 kam wie ein Karatekämpfer angesprungen und hat dem Schiedsrichter mit dem Ellbogen brutal eine ins Gesicht gewischt und fertig.“

Karl-Heinz Mundinger erklärt der Richterin, er sei „nebenher Schiedsrichter“, versichert, mit ihm sei alles „wieder in Ordnung“ und fügt dann, als müsste er sich rechtfertigen, hinzu: „Ich habe mich trotz widriger Platzverhältnisse redlich bemüht, immer auf Ballhöhe zu sein.“

Unbeeindruckt vom Gerichtsurteil

Das Urteil lautet auf Höchststrafe für Heranwachsende: vier Wochen Jugendarrest wegen „vorsätzlicher Körperverletzung“. Nachher, beim Bier in der Kneipe nebenan, reagiert der Schiedsrichter fast empört auf die Frage, ob er jetzt daran denke, die Karriere zu beenden. „Aufhören?“ fragt er ungläubig zurück. „Nie, dafür habe ich schon zu viele schöne Stunden erlebt.“ Er schwärmt von seinen Einsätzen als Linienrichter und irgendwann rutscht ihm heraus, was in der Zunft als Tabu gilt: „Es ist ein gutes Gefühl, dass man als Schiedsrichter über 22 Spieler bestimmen kann.“ Das wirkt ehrlich, klingt aber auch wie das Pfeifen im Walde. Als er dann noch ankündigt, künftig werde er Mannschaften mit zweifelhaftem Ruf ablehnen, da wird endgültig deutlich, welch tiefe Spuren die Schläge in Wirklichkeit hinterlassen haben und dass die alten Mechanismen nicht mehr greifen. Karl-Heinz Mundinger will es nur nicht wahrhaben. Er will seine kleine heile Schiedsrichterwelt aufrechterhalten.

Schiedsrichter müssen körperlich und geistig fit sein, sie müssen Charakterstärke, Mut und Pflichtbewusstsein aufbringen. DFB-Lehrwart Eugen Strigel 

Das garantiert lobfreie, dafür extrem beschimpfungsanfällige und weitgehend einkommensneutrale Ehrenamt des Unparteiischen ist für deutsche Männer offenbar begehrenswerter, als es sich Fußball-Normalverbraucher vorstellen kann. Die Neulingskurse erfreuen sich regen Zulaufs, und wenn fast 90 Prozent auch mehr oder weniger schnell wieder aussteigen, so kann die Frankfurter DFB-Zentrale doch den Rekordwert von derzeit 79 000 Fußballschiedsrichtern vermelden – 13 000 mehr als vor zehn Jahren.

Das hängt mit einem erstaunlichen Phänomen zusammen: Je länger einer dabei ist, umso schwerer kommt er von diesem ganz speziellen Hobby los. Und dann ist da noch eine weitere bemerkenswerte und ziemlich neue Erkenntnis, die der Sportstudent Yury Tacherial gerade in seiner Magisterarbeit herausgefunden hat. Demnach gibt es viele Gründe, warum Schiedsrichter Schluss machen, aber die Abteilung „Beschimpfungen und Beleidigungen“ rangiert mit 10,3 Prozent, wenn man den Befragten glauben darf, überraschend am Ende der Skala.

Falscher Pfiff nicht gleich Betrug

Das Anforderungsprofil stellt höchste Ansprüche, wie DFB-Lehrwart Eugen Strigel weiß: „Schiedsrichter müssen körperlich und geistig fit sein, sie müssen Charakterstärke, Mut und Pflichtbewusstsein aufbringen.“ Dazu kommen Erkenntnisse von Statistikern, wonach Schiedsrichter während der 90 Minuten zwischen 100 und 200 Entscheidungen treffen müssen und der Puls in Extremsituationen schon mal auf 120 hochschnellt.

So sehen Fußballstars nach dem Face Swap aus

„Wenn da mal ein falscher Pfiff dabei ist, sollte man nicht gleich von Betrug reden“, klagt Strigel. Seit Jahren fordert er von Spielern und Fans mehr Fair Play ein. Die Ergebnisse sind Wochenende für Wochenende auf Fußballplätzen und Fernsehschirmen zu besichtigen. Da nützt es auch wenig, wenn der vormalige Vorzeige-Schiedsrichter Bernd Heynemann vorrechnet: „Wir kommen auf eine Trefferquote von 95, 96 Prozent, das sollen die Spieler erst mal nachmachen.“ Auch seine Ehe ist gescheitert. „Ich war zu viel auf Achse“, sagt er.

Wenn der mich an der Schläfe trifft, bin ich tot. Karl-Heinz Mundinger

Wenige Monate später beim Wiedersehen wirkt Karl-Heinz Mundinger auf seltsame Weise verändert. Im Spiel der Kreisliga C zwischen dem SV Todtnau II und dem SV Mariazell an einem bitter kalten Sonntagmorgen im tiefsten Schwarzwald gibt der Mann in Schwarz zwar eine souveräne Figur ab, aber während der Halbzeitpause in der Schiedsrichterkabine lässt er ungewohnte Anflüge von Zweifel und Resignation erkennen. Und plötzlich überkommt ihn das ganze Elend des Schiedsrichterdaseins. Er berichtet von Schmerzen im Knie, von einer neuen Freundin, mit der er ein neues Leben anfangen wolle, von einer merkwürdigen Unlust am Pfeifen, von neuen Negativerfahrungen auf dem Sportplatz und einem damit einhergehenden Schlüsselerlebnis: „Ich habe mich nicht getraut, einen Elfmeter zu pfeifen, den ich hätte pfeifen müssen und gemerkt: Du bist nicht mehr der Alte.“

Nachdenklicher als es scheint

Wie sehr der K.o.-Schlag von Elzach noch immer in Karl-Heinz Mundinger nachwirkt, deutet eine Erkenntnis an, die zwischenzeitlich in ihm gewachsen ist: „Wenn der mich an der Schläfe trifft, bin ich tot.“ Und wie stark das gescheiterte Familienleben ihn beschäftigt, verbirgt sich hinter einem Nebensatz: „Es ist schon verrückt, was man gemacht hat.“ Man muss gesehen haben, wie sich die Gesichtszüge dieses sonst so nüchternen Mannes schlagartig verdüstern, um die Tragweite zu erahnen. Er habe „vieles verpasst“ in der Entwicklung seiner beiden Töchter, konstatiert der Vater und gesteht dann mit einer Mischung aus Reue, Selbstvorwurf, Traurigkeit, vielleicht auch Verzweiflung: „Das war nicht richtig.“ Karl-Heinz Mundinger hat seine persönliche Tragödie realisiert. Aber noch immer will er nicht wahrhaben, wie weit der Ablösungsprozess von der Schiedsrichterei fortgeschritten ist. „Die Runde mach' ich noch fertig“, kündigt er an. „Und dann stellt sich die große Frage, ob ich weitermache.“

Es ist schon ein gutes Gefühl, wenn du der Chef im Ring bist, da bist du jemand. Karl-Heinz Mundinger

So weit kommt es nicht. Der so leidenschaftliche Schiedsrichter pfeift noch zwei Spiele, dann macht er Schluss.

Die tieferen Ursachen zu benennen, fällt ihm bis heute schwer. „Ich bin nicht mehr motiviert, ich hab’ keine Lust mehr“, wiegelt er ab und erzählt, er wolle jetzt zusammen mit seiner Lebensgefährtin ein Haus bauen. Und dann, fast beiläufig, zieht er mit einem Mal Bilanz über sein langes Leben als Schiedsrichter, es ist eine knappe, aber umso schonungslosere Bilanz: „Das kann einen normalerweise nicht erfüllen!“ Kann es sein, dass sich da einer bei einer Lebenslüge ertappt hat? Doch er lässt sich nicht auf das Thema ein und beginnt erneut – als wolle er vor sich selber eine Rechtfertigung finden – zu schwelgen von damals als Linienrichter. „Das hat mich hochgehalten.“

Mehr als zweieinhalb Jahre sind jetzt vergangen seit jenem verhängnisvollen Sonntag im April 1999. Wenn Karl-Heinz Mundinger heute auf den Fußballplatz geht, dann beobachtet er vor allem die Schiedsrichter. Und er erwischt sich dabei, wie alte Gelüste wieder hochkommen, zumal sie ihm, dem bewährten Kundendienstmonteur und Betriebsrat, in der Firma einen Jüngeren vor die Nase gesetzt haben. „Es ist schon ein gutes Gefühl, wenn du der Chef im Ring bist, da bist du jemand“, sagt Karl-Heinz Mundinger. Er meint die Rolle als Schiedsrichter und gibt zu: „Ja, mir fehlt schon etwas.“

Ob er etwa wieder anfangen will zu pfeifen? Über Karl-Heinz Mundingers Gesicht huscht ein leises Lächeln. Dann sagt er: „Eher ja als nein.“

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