„Club d’Or“ vor der Auferstehung

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Schwäbische Zeitung

Eine Hommage an die 1950er- und 1960er-Jahre und eine Wiedereröffnung des Tuttlinger Jazzclubs – das alles will der Kulturkastenverein Kukav den ganzen November hinweg im Abteil 42 im Bahnhof verwirklichen. Dazu soll es eine Ausstellung, Musik und Nachbauten der Räumlichkeiten des Tuttlinger Jazzclubs „Club d’Or“ geben. Unsere Mitarbeiterin Nele Fauser hat mit den zwei Hauptorganisatoren Marlies Allgaier-Schutzbach und Daniel Stehle gesprochen.

Frau Allgaier-Schutzbach, wie kam es zu der Ausstellung?

Allgaier-Schutzbach: Ich habe schon vor längerer Zeit eine Vernissage in der Städtischen Galerie besucht, bei der Roland Martin ausgestellt hat, Bei der Veranstaltung war auch Manfred Scheffner, einer der großen Namen des Jazzclubs. Bei einem Gespräch kam es dann zu der Idee eines Veteranentreffens des „Club d’Or“.

Und das fand dann auch statt?

Allgaier-Schutzbach: Es gab sogar zwei. Das erste fand ungefähr ein Jahr nach unserem Gespräch im Café Martin statt, das zweite rund ein halbes Jahr später. Die Treffen waren sehr gut besucht und haben sehr viel Spaß gemacht. Wir haben dann erst realisiert, dass es sehr viel Material wie etwa Originalfotos vom Fotografen Werner Sartorius, ein Protokollbuch von Christian Becker, Plakate, Einladungen und Mitgliederausweise gibt, die die Mitglieder aufbewahrt haben. Gerade ohne die Fotos oder das Protokollbuch wäre die Ausstellung gar nicht möglich gewesen.

Was ist dann mit dem Material passiert?

Allgaier-Schutzbach: Wir haben das alles aufbereitet, unter anderem mit der Hilfe von dem Team der Tuttlinger Heimatblätter, insbesondere von Gunda Woll. In den Heimatblättern erscheint in diesem Jahr auch eine Artikel, den ich geschrieben habe, der inzwischen die Grundlage für die verschiedenen Ausstellungselemente bildet. Dann hatten wir die Idee, Interviews mit den Mitgliedern zu machen. Später waren wir der Meinung, so tolles Material sollte nicht einfach wieder archiviert, sondern ausgestellt werden. Ursprünglich sollte die Ausstellung im Rathaus stattfinden, aber da hätte es einfach nicht die Möglichkeiten der Gestaltung und des Programms gegeben, die wir jetzt bei Kukav haben.

Wie sind Sie denn darauf gekommen, die Ausstellung im Abteil 42 zu machen?

Ich bin Gründungsmitglied von Kukav und habe daher sehr gute Verbindungen zum Verein. Wir haben dann recht schnell gemerkt, dass Kukav in vielerlei Hinsicht die gleichen Motivationen vertritt wie der Jazzclub damals. Beide Institutionen befinden sich in einer Aufbruchstimmung, wollen etwas Neues machen und was bewegen in Tuttlingen. So hat sich das dann entwickelt.

Und Sie arbeiten auch mit der Stadt zusammen?

Claus-Peter Bensch war von Anfang an involviert und motiviert, uns unter die Arme zu greifen. Allgemein wurde unser Projekt von der Stadt wohlwollend gesehen und unterstützt, auch finanziell. Auch das Kulturamt, insbesondere Gunda Woll hat uns sehr unter die Arme gegriffen.

Herr Stehle, was genau bietet die Ausstellung?

Stehle: Zuerst einmal muss man sagen, dass es sich dabei nicht nur um eine Ausstellung handelt. Es gibt Livemusik, Artefakte, Geschichten und Begegnungen. Wir öffnen an jedem Freitag im November und das hat auch seinen Grund: Beim Jazzclub Club d’Or gab es immer freitags Kapellen- und Plattenabende. Allgemein wollen wir uns ein Stück weit in die Zeit zurückversetzen und bitten die Gäste, in passender Kleidung zu erscheinen. Es wird auch eine von Kukav bereitgestellte Garderobe geben, an der sich die Gäste einkleiden können. Wir haben ein hochkarätiges Programm zusammengestellt mit wirklich großen Musikern.

Wie wollen Sie den Jazzclub wieder aufleben lassen?

Stehle: Wir zitieren viel aus der alten Zeit und haben beispielsweise ähnliche Einladungen und Plakate entworfen. Die Idee ist aber nicht nur, die alte Geschichte auszugraben, sondern auch die Transformation ins heute zu schaffen. Während der fünf Wochen Wiedereröffnung wandelt sich der Club vom alten Jazzclub bis hin zu neueren Klängen. Das ist natürlich nicht ganz einfach, gerade finanzielle Mittel sind immer knapp. Lustiger Weise passt dieser Aspekt aber auch zum alten Club d’Or, bei denen waren die Kassen auch immer leer. Außerdem wollen wir auf einer Club d’Or-Internetseite alle Artefakte öffentlich online archivieren, damit man auch nach den Veranstaltungen noch Zugriff darauf hat.

Inwiefern spielt die Veranstaltung eine Rolle für Kukav?

Stehle: Kukav verwandelt sich für einen Monat komplett in den Jazzclub. Es gibt für diese Zeit keine Veranstaltungen mehr, die nichts mit Club d’Or zu tun haben. Sogar das Kukaffee verwandelt sich in das „Kaffee Club d’Or“. Auch die Räume des Vereins verändern sich, um die verruchte Atmosphäre der Gewölbekeller nachzuempfinden. Eine kleine Gruppe rund um Jakob und Anna Laura Bach, die übrigens Nachfahren von Club d’Or-Mitgliedern sind, hat sich in den vergangenen acht Wochen um die Neugestaltung gekümmert und die Gewölbekeller, in denen der Jazzclub stattgefunden hat, rekonstruiert. Es war eine interessante Erfahrung, als Kulturverein handwerklich zu arbeiten und sich um die Idee, Erarbeitung und Umsetzung zu kümmern. Bei der ganzen Erarbeitung mussten wir natürlich auch viel improvisieren.

Was passiert an den Abenden?

Stehle: Ganz unterschiedliche Dinge, die viel zu viel wären, um sie einzeln zu erläutern. Es wird aber auf jeden Fall eine offizielle Ausstellungseröffnung mit 21 chronologisch aufgebauten Ausstellungselementen, Geschichten und Anekdoten aus dem Club d’Or und Originalmusik geben. Die Livemusik wird sowohl von jungen Tuttlinger Jazzmusikanten als auch von Jazzclub-Original Walter Bauer übernommen. Alle Musiker, die wir eingeladen haben, waren so begeistert, dass sie von ihren normalen Gagen und Anforderungen Abstand genommen haben. Ein besonderes Highlight ist der vierte Termin, der eine Karnevalsveranstaltung wird. Die gab es schon zu damaligen Zeiten einmal im Jahr und diente als eine Gegen- oder Alternativveranstaltung zum sonstigen Karnevalstreiben.

Frau Allgeier-Schutzbach, können Sie ein Beispiel für eine Club d’Or- Geschichte geben?

Allgaier-Schutzbach: Die Leute hatten die gleichen Probleme, wie sie Vereine zur heutigen Zeit auch hatten und waren einfach eine Vereinigung von jungen Menschen, die etwas bieten wollten. Da gibt es natürlich viele lustige Anekdoten. So wurde beispielsweise Roland Martin zum Vorsitzenden ernannt - das aber aus einem ganz einfachen Grund: Er war volljährig. Roland Martin hatte damals sein Atelier „im Totehäusle“ neben dem Jazzkeller. Eines der Mitglieder ist dann einfach zu ihm rüber gegangen und hat ihn gefragt, ob er den Posten übernehmen wolle. Obwohl er die Mitglieder des Jazzclubs damals gar nicht kannte, war er so begeistert von der Sache der jungen Leute, dass er eingewilligt hat, den Vorsitz zu übernehmen.

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