„Beim Fußball geht’s um die Wurst“

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Wurstfreund und Fan von Altona 93: Florian Renz
Wurstfreund und Fan von Altona 93: Florian Renz (Foto: Privat)
Schwäbische Zeitung

Beim Fußball erlebt der Fan schon mitunter emotionale Achterbahnfahrten. Dem Exil-Nendinger Florian Renz ergeht es da in seiner Wahlheimat Hamburg nicht anders. Bei ihm steht und fällt die Laune bei einem Fußballspiel allerdings mit der Qualität der angebotenen Stadionwurst. Denn er testet deutschland- und sogar weltweit Stadionwürste und veröffentlicht die Testresultate auf seiner Internetseite fussballwurst.de. David Zapp hat mit ihm über süd- und norddeutsche Bratwürste geplaudert und über miese Fußballspiele, die nur noch eine saftige Stadionwurst zu retten vermag.

Was war der Anlass, Würste in Stadien und auf Fußballplätzen zu testen?

Wir sind als Gruppe auf die Idee gekommen, als wir bei einem Fußballspiel in Hamburg waren. Und wir haben grad mal wieder Wurst gegessen. Der Kollege, der neben mir stand, das weiß ich noch wie heute, der hat geschimpft, die Wurst würde wirklich schlecht schmecken und er hätte gerne eine gute Wurst wie zu Hause in Franken. Dann haben wir uns alle in die Augen geschaut, der Badener hat gesagt: Ja, stimmt! Der Schwabe hat gesagt: Ja, stimmt! Der Bayer hat gesagt: Ja, stimmt! Nur der Hamburger hat ein bisschen doof geguckt.

Hat der protestiert?

Nein, der hat sich gewundert, er kennt das nicht anders.

Ihr wart zu fünft der Meinung, die Wurst ist nichts. Was war mit der Wurst los?

Sie schmeckt erst mal langweilig. So eine richtig langweilige Industriewurst. Da sagt man sofort, das ist wirklich schlecht. Auf jedem Fußballplatz in Hamburg gibt es die gleiche Wurst.

Wie ist es dann weitergegangen?

Ich glaube, wir haben diskutiert, ob wir eine Kolumne in der lokalen Fußballzeitung aufmachen. Das war die erste Idee. Dann habe besonders ich, weil ich mit Onlinemedien und Blogs beruflich zu tun habe, gesagt, Mensch, da machen wir einfach einen Weblog und da kann jeder von uns genau das machen, was wir brauchen.

Es gibt euren Weblog fussballwurst.de. Wer macht da mit?

Wir haben das 2009 begonnen, explizit im Freundeskreis. Wir haben dann nach den ersten paar Berichten gesagt, wir gründen einen Verein. Das sind 15 bis 20 Leute und jeder darf etwas schreiben. Wir haben das bis 2012 regelmäßig gemacht. Da kam alle zwei Wochen ein neuer Bericht dazu. 2013 haben wir das Ganze vorläufig erst mal beendet. Ich bin dann Anfang 2014 hergegangen und habe gesagt, von meinen Berichten nehme ich einfach ein Auswahl und packe die so, wie sie sind, in ein Buch. Ich habe dann noch ein paar Zwischenkapitel geschrieben.

Wie viele Fußballpartien zwecks Wurst-Tests habt ihr schon besucht?

Ich glaube, das waren insgesamt 150 und 120 davon waren im deutschsprachigen Raum. Von diesen 120 habe ich dann die statistische Analyse durchgeführt.

Dann habt ihr irgendwann angefangen, Bewertungskriterien aufzustellen. Wie sehen die aus?

Die sind eigentlich sehr einfach. Erst mal fließt sehr viel in so eine Bewertung rein, die ist subjektiv, aber die ist so einfach, dass sie jeder versteht. Das wird wie bei Amazon nach Sternen bewertet. Also wenn die Wurst super war, gibt es fünf Sterne, wenn die Wurst schlecht war, gibt es einen Stern. Wie diese Sternebewertung zustande kommt, ist subjektives Empfinden. Also da kann es mal sein, dass man einen Bonuspunkt gibt, weil das Bier ganz besonders gut geschmeckt hat oder weil das Brötchen dazu ganz kross war oder weil die Bedienung nett war.

Gibt es eine Referenzwurst, die als Vergleichsstandard dient?

Die gibt es nicht. Uns ist bewusst, die Referenzwurst ist grundsätzlich die beste Wurst, die Fünf-Sterne-Wurst, und die gibt es tendenziell eher nun mal im süddeutschen Raum. Und wenn wir über die Referenzwurst sprechen, ist es uns eigentlich das Wichtigste, dass es keine Industriewurst ist, so standardmäßig, sondern dass es eine Wurst ist, die vom heimischen Metzger um die Ecke kommt.

Wie viel macht eine gute Wurst aus beim Fußballspiel?

Unglaublich viel. Ich sage an der Stelle immer, wenn ich jetzt ein ganz schlechtes Spiel meiner Mannschaft gesehen habe und ich bekomme aber doch eine ganz gute Wurst, dann war das Spiel nicht so ganz schlecht. Wenn aber beides mies ist, ein total schlechtes Spiel und eine total schlechte Wurst, dann kannst du den Nachmittag wirklich komplett vergessen.

Es geht beim Fußball also ausschließlich um die Wurst?

Definitiv. Beim Fußball geht’s um die Wurst. Und wenn du zum Fußball gehst und es gibt keine Wurst, dann machst du ein langes Gesicht.

In deinem Buch beschreibst du den Kulturschock, als Süddeutscher im Norden eine Wurst essen zu müssen. Deine These lautet, dass im Süden die Wurst besser ist. Ist das so?

Das Sinnbild des Kulturschock: Verpflegung auf dem Fußballplatz, ist bis heute noch für mich das kalte Toastbrot-Dreieck, das ich im norddeutschen Raum bekomme, wenn ich eine Wurst bestelle. Das ist für mich das Sinnbild des Kulturschocks. Für mich ist Toastbrot kein Brot. Und das bringt mich auch dazu, dass das ein generelles Nord-Süd-Problem ist. Das kann ich wirklich als Schwabe, als Nendinger, als Tuttlinger sagen: Bei uns auf dem Land finde ich viele tolle Metzger, viele gute Bäcker. Klar wird es auch dort immer weniger. Aber in Hamburg oder in vielen deutschen Großstädten, im Norden aber deutlich stärker als im Süden, findet man kaum mehr einen guten Metzger und schon gar keinen guten Bäcker. Deswegen schickt mir meine Mutter bis heute regelmäßig noch Versorgungspakete mit Speck aus Nendingen.

Wo gibt es im Landkreis Tuttlingen die beste Stadionwurst?

Die beste, die wir getestet haben, gibt es aber definitiv beim FC 08 Villingen.

Hierzu eine Anekdote, die habe ich vergessen, ins Buch reinzuschreiben. Wir waren in Villingen, als der FC St. Pauli die erste Runde vom DFB-Pokal dort gespielt hat. Die Wurst haben wir mit fünf Sternen bewertet, weil die echt super geschmeckt hat, Begründung befindet sich im Weblog. Die St. Pauli-Fans haben die komplette Wurstversorgung schon vor Ende der regulären Spielzeit aufgebraucht. Daraufhin gab es ein Zeitungsinterview mit dem Metzger, der die Würste bereitgestellt hat. Das war eine Supergeschichte. Der hat nur auf Schwarzwälderisch gesagt: „Ha ja, des isch halt mei Wurscht!“ Daraufhin hat der FC 08 Villingen uns gebeten, die Verbindung zum FC St. Pauli herzustellen, wir würden bei einem der FC St. Pauli-Heimspiele die Wurstverpflegung übernehmen mit diesem Metzger aus Villingen zusammen. Das war eine coole Geschichte. Das hat natürlich nicht geklappt, weil es entsprechende Caterer gibt.

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