Aufwändige Inszenierung mit waschechten Wienern

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Küss die Hand:
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Schöne Stimmen, farbenprächtige Kostüme, souveränes Orchester: Die österreichische Inszenierung des „Zigeunerbarons“ von Johann Strauss (Sohn) bezauberte am Samstagabend über 500 Operetten-Liebhaber in der Stadthalle.

Heiße Liebe, schmerzliche Trennung, Raffgier, Krieg und Prüderie: Auch 133 Jahre nach der Uraufführung der Operette im Theater an der Wien sind die Themen aktuell. „Der Zigeunerbaron“, ein Werk mit Tendenz zur Spieloper, basiert auf der Novelle „Sáffi“ des ungarischen Schriftstellers Mór Jókai. Dessen österreichischer Kollege verfasste daraus das Libretto, der „Walzerkönig“ Johann Baptist Strauss schuf in zweijähriger Arbeit eine ausdrucksvolle Ouvertüre, attraktive Arien, innige Duette und kesse Couplets, wobei er die musikalischen Stile Wiens und des Banats einbezog. Nichts wirklich mit Ohrwurm-Charakter, aber doch eingängig und angenehm zu hören.

Das 20-köpfige Orchester, verborgen im Graben, wurde von Petra Giacalone dirigiert und überzeugte auch bei genauem Hinhören.

Internationales Ensemble

International besetzt waren die wichtigsten Rollen: Aus Japan stammt der junge Tenor Kenichiro „Ken“ Takashima, der in der Titelrolle des Sándor Barinkay die einst enteigneten ungarischen Ländereien wieder in Besitz nehmen soll. Waschechte Wiener sind Bariton Dieter Kschwendt-Michel, der den Grafen Homonay darstellt, und die reizende Soubrette Anita Tauber in der Rolle der selbstbewussten Arsena. Deren Gouvernante Mirabella wird von der Mezzosopranistin Adrienne Làng verkörpert, die aus dem ungarischen Sopron stammt.

Zwei Italiener zählen zur Truppe: Marco Ascani als Ottokar, Mirabellas Sohn und Arsenas heimlicher Verehrer, und Martin Ganthaler in der komischen Rolle des Conte Carnero, königlicher Kommissär und eifriger Sittenwächter. Giorgio Valenta, der kahlköpfige, stämmige Tenor, der den großmäuligen, neureichen Schweinezüchter Kálmán Zsupán so trefflich darstellt, stammt dagegen aus dem fränkischen Coburg.

Mazedonien ist die Heimat der jugendlich-dramatischen Koloratur-Sopranistin Irena Krsteska, die das Zigeunermädchen Saffi spielt – das sich später als Tochter des geflohenen Paschas von Temesvár entpuppt. Ihre Ziehmutter Czipra wird von der Altistin Yulia Savrasova dargestellt, deren Wiege im russischen Murmansk stand. Applaus gab es auch immer wieder für die beiden feschen Tänzerinnen, die so oft die Kostüme wechselten.

Das für eine Tournee recht üppige Bühnenbild von Norbert Art-Uro stellt die drei Handlungsorte dar: den Platz vor dem Haus des Schweinezüchters, das verfallene Anwesen der Ahnen Barinkays, in dem jetzt Zigeuner leben, und schließlich einen Exerzierplatz in Wien anno 1741. Pumphosen, weit schwingende Plisseeröcke, prunkvolle Uniformen, „typisch“ bestickte Zigeunerkleidung, elegante Roben, aber auch Nachthemden bildeten die aufwändige Garderobe.

Noch kein perfektes Deutsch

Doch bei aller Anerkennung für die Inszenierung, bei der Andrea Schwarz Regie führte, gibt es auch Kritikpunkte: Takashima ist es in den zwei Jahren, die er in Österreich lebt, noch nicht ganz gelungen, perfektes Deutsch zu singen und zu sprechen. Auch bei Savrasova lässt die Textverständlichkeit zu wünschen übrig.

Und ein paar Mal ließ die Fasnet grüßen: Die Schweinchenkostüme – „arg rosa“, wie eine Besucherin schmunzelnd sagte – etwa wegen der Verkleidung als Mauerstücke, die man den Balletteusen angetan hatte. Auch der lieblos aufgepinselte Bart des Grafen und die knallbunte Lichterkette in der Schatztruhe waren leicht zu vermeidende Ausrutscher.

Für das Finale nach dem dreifachen Happy End machte das Orchester eine Anleihe bei Strauss (Vater) und spielte den Radetzky-Marsch. Das Tuttlinger Publikum hätte auch so begeistert geklatscht, wenngleich vielleicht etwas weniger rhythmisch.

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