Auftakt Tuttlinger Krähe: Die Künstler pendeln von der Stadt- zu Angerhalle

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Kornelia Hörburger

Die Krähe feiert Corona-bedingt ihren 20. Geburtstag sechs Monate später als geplant. Am Dienstagabend sind die ersten vier Beiträge mit Stand-Up- und Musik-Comedy ins Rennen um den begehrten Kleinkunstpreis gegangen.

Coronabedingt ist der Wettbewerb vom Frühjahr auf den Herbst verschoben worden. Ebenfalls coronabedingt treten die Künstler dieses Mal parallel in der Möhringer Angerhalle und in der Stadthalle Tuttlingen auf: So können die Abstände im Publikum gewährleistet werden. Nach der Hälfte des Programms tauschen die Wettbewerbsteilnehmer per Shuttle die Spielstätten.

In der Stadthalle moderiert Kabarettist Frank Fischer, in der Angerhalle „Chanteuse“ Annette Postel, und an beiden Orten stimmt jeweils eine Formation der Band „FourFun“ um Marco Schorer die Besucher ein. Auch in diesem Jahr hat der Tuttlinger Bildhauer Roland Martin wieder die „Krähe“-Trophäen geschaffen und gestiftet. Und auch in diesem Jahr hat die Jury gemeinsam mit Programm-Macher Berthold Honeker die zwölf Finalisten aus über 100 Bewerbungen ausgewählt. Ein Novum, auf das sich die Künstler geeinigt haben: Es wird zwar am Ende wie immer Gewinner geben, doch angesichts der massiven Corona-Einschnitte werden die Preisgelder dieses Mal unter allen Teilnehmern solidarisch aufgeteilt.

Nikita Miller war wohlgesetzt als Opener in der Angerhalle. Vordergründig scheint der Abend langsam Fahrt aufzunehmen: Miller nimmt auf einem Barhocker Platz und erzählt Geschichten aus dem Alltag. Doch die Zuhörer erleben moderne Erzählkunst, deren Sog sich keiner entziehen kann. „Comedic Story Telling“ hat der Stuttgarter mit kasachischen Wurzeln als Begriff für sein Genre erfunden: Statt kurz getakteter Pointen spannt und verwebt er kleine Episoden zu langen Erzählbögen: von immer neuen Widrigkeiten auf einer langen Billig-Flix-Zug-Fahrt bis hin zu seinen verzweifelten Versuchen, die Ehefrau wegen des vergessenen Geburtstags zu besänftigen. Der imposante Zwei-Meter Mann erzählt mit dem Charme des Jungen von nebenan, verblüfft inmitten eines Hauchs von russischem Akzent durch urplötzlich aufblitzende waschechte schwäbische Einwürfe, und wenn er zur Schlusspointe kommt, dann sitzt sie.

Musikkabarettist und Stimmenimitator André Hartmann präsentiert Comedy am Klavier – und das temperamentvoll, temporeich und versiert an seinem Instrument wie kaum ein anderer. Auf Zuruf aus dem Publikum bringt er – unter dem Motto „Veganissimo“ –spontan jedes Lied in eine politisch und vegan korrekte Form. „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei“ kann auch mit „Mais“ oder „Lauch“ gesungen werden. Lediglich Witze über Tofu lehnt Hartmann ab. Die findet er „geschmacklos“. „Aber bitte mit Sahne“ ist für ihn aber noch machbar mit „Sojamilchersatz“. Und er legt das Stück dann auch noch gleich dem „anderen Udo“, Udo Lindenberg, in einer treffenden Imitation in den Mund. Brillant versteckt er im Finale seines Programmausschnitts „Milchprodukte“ in klassischen Stücken: durch Mozart und Liszt schimmert „Wir ziehen gleich die Löcher aus dem Käse“ hindurch, und Roland Kaisers „Santa Maria“ scheint bei Hartmann unabänderlich verwoben mit einem Bach-Preludium. Ein wahrer Könner an seinem Instrument.

Dass die „Schöne(n) Mannheims“ nicht ganz pünktlich in Möhringen eintreffen, überbrückt Moderatorin Annette Postel aus dem Stand kurzweilig mit der „Königin der Nacht“ aus ihrem Opern-Kabarett-Programm. Und die vier Mannheimerinnen – die betonen, keinesfalls die Mütter der „Söhne Mannheims“ zu sein - legen nach ihrer Ankunft ebenfalls stimmgewaltig und mit offensichtlicher Lust am Auftritt nach. Ihr harmonischer Satzgesang mit Klavierbegleitung und rotzfrechen Texten bildet den Rahmen für den Sketch „Meine Phobie und ich“. Mit ihrer erfrischenden Mischung aus Coversongs und Eigenkompositionen steuern die exzellenten Musikerinnen Anna Krämer, Susanne Back, Smaida Platais und Stefanie Titus am Klavier den umtriebigsten Programmteil des Abends bei.

Mit Martin Niemeyer endet der Abend in der Angerhalle mit einem puren Kontrastprogramm zu den quirligen Damen aus Mannheim. „Ich sehe so harmlos aus, dass es schon verdächtig ist“, sagt Niemeyer über sich. Ein wenig treuherzig und ein wenig verklemmt spielt und kokettiert er mit seiner scheinbaren Unbeholfenheit. In Wirklichkeit entwickelt er durchaus tiefsinnige Gedanken und ausgefallene Lösungsmöglichkeiten für alltägliche Probleme: Damit das sperrige Backblech endlich in die Spüle passt, könnten sich doch die Designer in Zukunft absprechen. Und um sich nicht zu lange an die Verantwortung für ein Haustier zu binden, könnte man ja vielleicht ein krankes Meerschweinchen….? Oder vielleicht wäre doch die Kleidermotte mit ihrer Lebenserwartung von zwei Wochen das ideale Haustier? Doch die hat sich ja bereits disqualifiziert, als die Pheromone der Mottenfallen gleich sämtliche Artgenossen aus der ganzen Nachbarschaft zu Niemeyers gelockt hatten.

Der Meister der leisen Töne dieses Abends sorgt für einen furiosen Ausklang der ersten Wettbewerbsrunde.

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