Aufgeheizte Stimmung bei Anti-Israel-Demo

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Voll von Demonstranten war der Tuttlinger Marktplatz am Samstag.
(Foto: Ludger Möllers)
Ludger Möllers

Mehr als 1000 Menschen haben am Samstag in der Tuttlinger Innenstadt für Frieden im Nahen Osten und für ein Ende der Kämpfe im Gazastreifen demonstriert. Trotz aufgeheizter Parolen wie „Kindermörder Israel“ verliefen Kundgebung und Protestmarsch weitgehend friedlich. Am Rande der Veranstaltung gegen die israelische Militäroffensive im Gazastreifen gab es Auseinandersetzungen mit Gegendemonstranten, die sich für das Selbstverteidigungsrecht Israels einsetzten.

Einzelne Demonstranten riefen „Juden raus!“ Die Veranstalter der Demonstration verurteilten jede Form von Antisemitismus.

Trotz des strömenden Regens kommen an diesem Samstag einige hundert Menschen in die Tuttlinger Innenstadt. Über eine Gruppe im sozialen Netzwerk Facebook sind sie informiert worden. Sind es 700 bis 1000 Teilnehmer, wie die Polizei schreibt, oder mehr als 2000, wie die Veranstalter, Yasemin Liman und Mücahit Yildirim, sagen? Zwei Stunden lang demonstrieren die Teilnehmer, sie sind zu 90 Prozent türkischer Abstammung, gegen die israelische Militäroffensive. Immer und immer wieder skandiert die Menge Rufe wie „Free, free Palestine“ („Befreit Palästina“) oder „Kindermörder Israel“. Die Gesamtzahl der Toten im Gazastreifen beziffern die Veranstalter auf mehr als 1000, mehr als 6000 Menschen seien verletzt worden. Auf Plakaten wird zum Ende der Gewalt aufgerufen: „Stoppt den Gazakrieg“ ist zu lesen, ebenso „Free Gaza“. Banner mit den Worten „Israel Terrorist“ oder „Israel: Die Kinder Hitlers“ tauchen auf.

Auf dem Marktplatz hat einer der Veranstalter, Mücahit Yildirim, sich ein Megaphon geben lassen. Er skandiert Parolen, die Menge antwortet. Yildirim macht vor allem auf das Schicksal der Kinder und Mütter im Gaza-Streifen aufmerksam. „Unerträglich“ seien die Bilder, die aus dem Nahen Osten gesendet würden.

Dann setzt sich die Menge in Bewegung, Richtung Wilhelmstraße. Vier Gegendemonstranten, sie haben ihre Aktion ebenso wie die „Free Gaza“-Demonstranten angemeldet, halten die israelische Fahne mit dem Davidstern hoch. Nicht lange: Einige junge Männer reißen die Fahnen an sich, zerreißen sie, trampeln auf ihnen herum. Die Polizei muss die Gegendemonstranten schützen und sie bitten, sich in Sicherheit zu bringen. Ein Ermittlungsverfahren gegen die Angreifer werde eingeleitet, sagt einer der Polizisten.

Medien kritisiert

Während des kurzen Marsches tauchen Plakate auf, die die Rolle der Deutschen kritisieren: „Deutsche Tugend“ sei es gewesen, 1940 während des Holocausts ebenso wie heute beim Gaza-Konflikt wegzuschauen: „Wo sind die Deutschen, wo seid Ihr“, fragt ein Teilnehmer immer und wieder Passanten, „warum schweigt Ihr?“ Auch die Rolle der Medien kritisieren viele Demonstranten: Es würden ausschließlich israelische Opfer gezeigt, „einseitig pro-israelisch“ sei die Kommentierung.

Zwei Mal bewegt sich der Protestzug zwischen Honbergstraße und Wilhelmstraße hin und her, der Ton wird immer rauer. Einige junge Männer rufen kurz „Juden raus“, niemand greift ein. Ein Polizist in Zivil klaubt die Reste einer zerrissenen israelischen Fahne vom Pflaster. Dass Tuttlingen soeben einen Tabubruch erlebt hat, geht im strömenden Regen unter. Veranstalter Mücahit Yildirim sieht die Verantwortung für den Vorfall auf der Gegenseite: „Wir hatten leider uns provozierende Menschen da, die nicht mal aus Israel kamen.“

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