Aktion: Profi-Langfinger bestiehlt Passanten

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Profi-Taschendieb Kenny Quinn (von links) hat am Freitag unter polizeilicher Aufsicht Kunden des Wochenmarkts bestohlen. Ein Opf
Profi-Taschendieb Kenny Quinn (von links) hat am Freitag unter polizeilicher Aufsicht Kunden des Wochenmarkts bestohlen. Ein Opf (Foto: Michael Hochheuser)
Schwäbische Zeitung

Wer am Freitagvormittag über den Tuttlinger Markt geschlendert ist, hat sich unbewusst einer Gefahr ausgesetzt – der, von einem Taschendieb bestohlen zu werden. Die Tuttlinger Polizei und der Zirkus Charles Knie, der kommende Woche Station in der Kreisstadt macht, hatten die Aktion mit einem professionellen Taschendieb organisiert. Sie sollte Passanten auf eine Straftat hinweisen, die längst nicht nur in südlichen Gefilden verbreitet ist: So wurden zwischen Januar 2010 und Juli 2011 im Landkreis Tuttlingen mehr als 20 Fälle von Taschendiebstahl bekannt – in Diskotheken, in Supermärkten, bei Brauchtumsveranstaltungen oder Frühlings- und Straßenfesten.

Der graumelierte Herr fällt nicht weiter auf mit seinem grauen Jackett und der Blue Jeans. Unscheinbarkeit gerät einem Taschendieb zur Zierde – auch im Fall des Show-Langfingers Kenny Quinn ist das so. Der eilige Passant bemerkt ihn nicht, den Mann, der seinen Blick an diesem Freitag auf Gesäß- und Jackentaschen gerichtet hat. Er späht aus, wo sich etwas wölbt, eine Jacke schwer hängt – das könnte eine Brieftasche oder ein Handy sein. Leichte Beute für einen Dieb mit flinken Fingern.

Schon nach fünf Minuten hat Quinn sein erstes Opfer ausgemacht – einen netten älteren Herrn. Auf dem Marktplatz fragt er ihn nach dem Weg zum Bahnhof, fasst den Senior dabei am Arm. Das dankbare Opfer gibt bereitwillig Auskunft, derweil Quinn langsam seine Finger in die linke Manteltasche schiebt – und fündig wird. Ein Autoschlüssel. Der alte Mann geht weiter, wenige Meter später stoppen ihn Michael Ilg, Präventionsbeauftragter der Kreispolizeidirektion, und der Frager von zuvor.

„Mein Name ist Quinn – ich bin professioneller Taschendieb“, stellt er sich höflich vor. „Welchen Wagen fahren Sie?“, fragt er. „BMW“, antwortet der Bestohlene. „Aber damit würden Sie heute nicht mehr heimfahren“, lacht Quinn und überreicht dem Senior seine Autoschlüssel. Der ist völlig baff, hatte er doch nichts bemerkt. „Das wird mir eine Lehre sein“, sagt er und schiebt sich den Schlüssel sofort in die vordere Hosentasche.

Seit 25 Jahren ist der Däne Quinn, Jahrgang 1965, in der Branche. Dabei hatte er einst Hotelkaufmann gelernt. Dann jedoch lernte er einen Schau-Taschendieb kennen, bei dem er in die Lehre ging. Seither tritt er in ganz Europa in Varietés auf und schwört, seine Fachkenntnisse noch nie illegal eingesetzt zu haben. Seit diesem Jahr ist Kenny Quinn beim Zirkus Knie. Dort bestiehlt er vor der Vorstellung Besucher, die ihre Geldbörsen oder Fotoapparate während der Show zurückbekommen.

Manchmal jedoch kommt es anders: „Bei einer Vorstellung in Bad Saulgau vor zehn Tagen hatten wir die Polizei da“, berichtet Sascha Grodotzki, Pressesprecher des Zirkus. Als eine Besucherin feststellte, dass sie bestohlen worden war, marschierte sie schnurstracks zur Polizeistation. „Als die Beamten bei uns eintrafen, mussten alle lachen.“

Ertappt worden ist Quinn noch nie, sagt er. Rund ein Drittel seines Talents mache Fingerfertigkeit aus, wichtiger sei das gezielte Ablenkungsmanöver, währenddessen er ertastet, ob sich der Griff in die Tasche lohnt. Einmal liegt er mit seiner Einschätzung daneben in Tuttlingen. „Das waren nur Taschentücher, es sah größer aus.“ Vor allem ältere und jüngere Menschen seien willkommene Opfer, „ältere Damen sind meist hilfsbereit, junge Leute oft sorglos“. Frauen wählten Langfinger gerne aus, „weil sie im Ernstfall körperlich unterlegen wären“.

Bevor Quinn zuschlägt, beobachtet er potenzielle Opfer ganz genau. Auch in Läden rund um dem Marktplatz lugt er, merkt sich, wo Kunden nach dem Bezahlen ihre Geldbörse hinstecken. Der Tuttlinger Wochenmarkt ist für ihn ein ideales Jagdrevier. Dort misst manche schmale Gasse gerade mal gut einen Meter. „Taschendiebe suchen das Gedrängel“, erläutert er. In Einkaufsgassen schlügen sie gerne zu, „weil man dort nicht vorbeikommt ohne zu Schubsen“.

Nicht alle Annäherungsversuche gelingen ihm an diesem Vormittag. Mehrfach hat er die Hand in einer Tasche, aber zieht sie leer wieder hinaus. Aber immer wieder funktioniert seine Methode. Einen Mann fragt er nach dem Rathaus und zieht ihm währenddessen das Handy aus der Seitentasche. Albert David ist völlig überrascht, als ihn die Polizei anhält, aufklärt und eine Infobroschüre verteilt. „Irgendwie habe ich schon bemerkt, dass er an der Tasche dran war“, sagt er. Und, dass er sein Handy normalerweise stets in der Hosentasche trage.

Selbst die Polizei war gestern nicht gefeit gegen die Quinnsche Kunst: Vor der Aktion auf dem Marktplatz demonstrierte er sein Talent in der Tuttlinger Polizeidirektion. „Wir wissen zwar, wie Taschendiebe auch im Kreis Tuttlingen vorgehen, doch wollten das mal mit eigenen Augen sehen“, erläutert Ilg. Das bewahrte ihn jedoch nicht davor, selbst zum Opfer zu werden. „Obwohl ich extrem aufgepasst habe, hat er mir meine Armbanduhr weggenommen, ohne dass ich es gemerkt habe.“

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