Aesculap trotzt allen Krisen

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Schwäbische Zeitung

Die Szene wirkt brutal: Ein Soldat sitzt mitten auf dem Schlachtfeld. Von seinem Bein ist nur noch der Stumpf übrig. Neben ihm steht ein Koffer mit chirurgischen Instrumenten. „Zwei Minuten und das Bein war ab“, erklärt Hans-Peter Knaebel, Chirurg und seit 2009 Vorstandsvorsitzender des Tuttlinger Medizintechnikunternehmens Aesculap das Procedere.

Zum Glück ist die Szene nur gestellt und hinter Glas. Aesculap würdigt den medizinischen Fortschritt vom antiken Operationsbesteck bis heute mit einem eigenen Museum. Denn die Entwicklung des Unternehmens ist untrennbar mit dem medizinischen Fortschritt verbunden. Jede Methode erforderte neue Instrumente und genau darauf ist Aesculap seit 145 Jahren spezialisiert. Heute produziert Aesculap praktisch alles rund um den OP.

Den Grundstein für den Erfolg legte Messerschmied Gottfried Jetter, als er 1867 in seiner Heimatstadt eine Chirurgiemechaniker Werkstatt gründete und sich damit von der Konkurrenz absetzte. „Jetter war in seiner Gesellenzeit zwölf Jahre lang in ganz Europa unterwegs und hat an den Universitäten gesehen, was Chirurgen brauchen“, erklärt das ehemalige Vorstandsmitglied Max Hummel.

Revolution in der Werkstatt

Der Zeitpunkt ist ideal. Mit der ersten Vollnarkose 1846 eröffnen sich Medizinern ungeahnte Möglichkeiten. „Das war Jetters Chance“, glaubt Hummel. Indem er erstmals große Serien produziert, vollzieht Jetter in seiner Werkstatt nicht weniger als eine kleine Revolution. „Jetters Innovation war die Industrialisierung der Medizintechnik“, erklärt Knaebel.

Den Aufstieg von der Werkstatt zum Weltunternehmen erlebt Jetter noch selbst mit. Noch vor der Jahrhundertwende werden Niederlassungen in Berlin, New York und London eröffnet. Laut Firmenchronik hat das Unternehmen, das seit dem Einstieg der Schwager Wilhelm und Karl Christian Scheerer „Jetter & Scherer“ heißt, beim Ausscheiden des Gründers 1890 mehr als 440 technische Mitarbeiter. 1895 geht das Unternehmen an die Börse und zählt damit zu den ersten baden-württembergischen Aktiengesellschaften.

Doch die Erfolgsgeschichte verläuft nicht ohne Rückschläge. Die erste Weltwirtschaftskrise lässt die Produktion einbrechen. Im Zweiten Weltkrieg versucht sich das Unternehmen mit der Herstellung von Gewehrläufen und anderen Rüstungsgütern über Wasser zu halten. Dennoch sei die Krise noch in den 50er-Jahren existenzbedrohend gewesen, so Hummel. Erst zum 100-jährigen Jubiläum Ende der 60er-Jahre sei wieder Aufbruchstimmung aufgekommen. Ein neues Denken – weg von der Fabrik, hin zum Markt – habe in den 70er-Jahren der Einstieg des B. Braun Konzerns, dem heutigen Mehrheitsaktionär, gebracht. Selbst 200 gebrochene Hüftimplantate im Jahr 2006 hinterließen am Image keine bleibenden Kratzer.

Investition trotz Schuldenkrise

Heute bekommt das Unternehmen die EU-Schuldenkrise zu spüren. Aus Italien, Spanien, Portugal und zum Teil auch Frankreich kämen praktisch keine Wachstumsimpulse, sagt Aesculap-Chef Knaebel. Wegen der schlechten Zahlungsmoral der südlichen Euro-Länder fehlten Außenstände in dreistelliger Millionenhöhe. Nur dank des starken Wachstums in Asien und Amerika habe das Unternehmen im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ein Umsatzplus von sieben Prozent verzeichnet, so Knaebel. Bereits 2011 hatte die Aesculap AG ihren Umsatz um fast sechs Prozent auf 1,3 Milliarden Euro gesteigert .

Heute steht das Unternehmen so gut da wie nie: Rund 9000 Mitarbeiter arbeiten weltweit für Aesculap, davon rund 3300 in Tuttlingen. Mit einer neuen Fabrik sollen es noch mehr werden. Mit 60 Millionen Euro für einen Neubau in der Donau-Stadt plant der Medizintechnik-Hersteller mitten in der Finanzkrise die größte Einzelinvestition seiner Geschichte.

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