Einen vielseitigen und unterhaltsamen Abend haben die Zuschauer auch beim zweiten Wettbewerbsabend der Tuttlingen Krähe in der Angerhalle erlebt. Ob Comedy, Politisches oder Klavier-Kabarett: Die vier sehr unterschiedlichen Beiträge, schelmisch und kurzweilig vom Anarcho-Clown Archie Clapp moderiert, begeisterten das fachkundige Publikum fast ausnahmslos.

Viele Besucher des 19. Kleinkunstwettbewerbs der Stadt Tuttlingen sind schon seit langem dabei, fast ist es bei der Krähe wie ein Treffen unter Bekannten. Auch die Jazz-Band „4Fun“ unter Marco Schorer, dieses Jahr sogar zu fünft, gehört traditionell zum „guten Ton“ bei diesem Veranstaltungs-Marathon. Mit Leichtigkeit und Professionalität unterhält sie das Publikum in der ausverkauften Halle vor Programmbeginn und in den Pausen. Auch die sechsköpfige Fach-Jury ist seit langem in gleicher Besetzung: Sie hatte die aufwändige Vorauswahl aus über 100 Bewerbern getroffen.

Die Newcomerin hat es schwer

Dass er aus Dresden kommt, mag man beim Auftritt des Kabarettisten Erik Lehmann kaum glauben: In tiefstem Bayerisch und auf einem mit Geweih und Fell dekorierten Sessel gibt er den Förster Uwe Wallisch, vom Bürgermeister mit der Aufgabe betraut, den „Wald attraktiver“ zu machen. Dabei wundert er sich nicht nur über die digitale, naturfremde Kleinkind-Generation. Vor allem deren Mütter schont er nicht. Mit ihren „paramilitärischen, schusssicheren Schulwegpanzern“, den „Suwies“, bringen sie ihren Nachwuchs zum Waldtag. Jacke und Hut aus, Anzugjacke an – schon schlüpft der junge, sympathische Kabarettist in die nächste Rolle, trägt auf Hochdeutsch Notizen aus seinem „Mutti-Heft“, Bonmots und Zitate aus der Fußballwelt, vor. Mit Hornbrille und Berliner Schnauze knöpft sich Lehmann mit tiefschwarzem Humor dann das Thema Patientenverfügung und Medizin-Industrie vor, bevor er in die nächste Rolle wechselt: In breitem Sächsisch nimmt er sich als „Gutbürger mit Herz“ Pegida und AfD vor.

Mit Ausschnitten aus seinem ersten Soloprogramm „Wahlgesänge“ singt und spielt sich der charmante Musik-Kabarettist William Wahl in die Herzen der rund 400 Zuschauer. In seinen Chansons und Liedern greift er Alltags-Geschichten auf: Mal dichtet er den bekannten Abba-Song gesellschaftskritisch um in „Schicke Kita“, dann besingt er in einem flotten Boogie den Urlaub „in Flagranti, der Hauptstadt aller Herzensbrecher“. Besonders sein „Infotainment-Block“ in die Musiktheorie über Moll- und Dur-Melodien und passenden Geschichten und sein „selbsterklärendes Mitmach-Lied“ werden gefeiert.

Mit 24 Jahren nicht nur die jüngste Teilnehmerin, auch fast die einzige in dieser Altersklasse an diesem Abend, hat es die Comedy-Newcomerin Jaqueline Feldmann nach der Pause schwer. Fast schon bewundernswert, wie die frühere Finanzbeamtin eine halbe Stunde lang ohne Punkt und Komma von ihren Erfahrungen in der Schule, ihrem dreiwöchigen Arrest im Altersheim, auf der Aida, der „Körperwelt on Tour“, ihrem Erwachsenwerden oder Dinkel-Müttern und Youtube-Stars plappert.

Treffsichere Wortspiele

Vollkommen andere Register dagegen zieht das – nicht nur in Möhringen – bekannte Duo „Onkel Fisch“ mit seinen temperamentvollen, bissigen und tiefsinnigen Beiträgen zur aktuellen Politik und Weltlage. Seit 1994 bieten Adrian Engels und Markus Riedinger als „Onkel Fisch“ intelligentes und modernes Polit-Kabarett. Es fordert mit seinen treffsicheren Wortspielereien dem Krähe-Publikum zu später Stunde vollste Konzentration ab – die leider nicht immer vorhanden ist, schade. Die Lage in Europa vergleichen sie mit der landestypischen Küche – trotz Unterschieden in vielem mittlerweile gleich: „Überall ist braune Soße drauf.“ Auf die Frage nach dem Erfolg der Populisten bringen sie Ängste um die innere Sicherheit und vor islamistischem Terror aufs Tapet – um sie mit statistischen Rechnungen zu widerlegen. Ihr unglaubliches komödiantisches Talent und ihre Spielfreude beweisen sie in ihrer Schluss-Nummer über den „Panik-Papst Donald Trump“. Das ist Krähe-Klasse!

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