Überraschung beim Joggen: 20 Säcke Müll in einer Stunde

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Läufer mit Müllsäcken in der Hand
Mehr als 20 Säcke voller Müll sammelt unser Reporter Simon Schneider (Mitte, vorne) gemeinsam mit den Lauftrefflern der Tuttlinger Sportfreunde beim „Plogging“ in der Stadt. (Foto: S. Schneider)
Simon Schneider

Laufschuhe, Müllbeutel, Kondition und Handschuhe – genau mit dieser Kombination haben sich im Rahmen der Gesundheitstage gut ein Dutzend Lauftreffler der Tuttlinger Sportfreunde am Samstag auf den Weg quer durch Tuttlingen gemacht und während des Laufens Müll gesammelt. „Plogging“, der Trendsport aus Schweden, hat damit auch die Donaustadt ein Stück weit sauberer gemacht. Unser Reporter Simon Schneider hat bei der Aktion mitgemacht.

Sport an der frischen Luft und dazu noch etwas Gutes für die Umwelt tun – „das klingt nach einer guten Aktion“, so mein erster Gedanke. Der Blick am Samstagmorgen aus dem Fenster: Regen. Egal! Ich schnüre meine Laufschuhe und ab zum Treffpunkt auf den Marktplatz. Der Handels- und Gewerbeverein ProTUT stattet mich dort direkt mit Müllbeutel und Handschuhen aus. Allein bin ich zwar nicht, aber neben einer Gruppe der Tuttlinger Sportfreunde, die diese Aktion gemeinsam mit ProTUT organisierten, habe ich mir mehr Teilnehmer erhofft.

Im Laufschritt geht es los. Zugegeben: Ein ungewohntes Gefühl für mich, mit einem Müllbeutel und Hygienehandschuhen durch die Innenstadt zu laufen. Peinlich ist es mir aber nicht, denn „Plogging“ hilft der Umwelt und der Gesundheit. Mein Ziel bei diesem Lauf: der Müll. Die Weimarstraße ist voller Herbstlaub. Mein Blick geht von links nach rechts, der meiner Mitstreiter ebenso. Und nach wenigen Metern entdecke ich Fast-Food-Verpackungen, Schnapsflaschen und Pappe. Sie sind trotz vieler Blätter unübersehbar. Ich gehe in die Knie, der Müllbeutel ist geöffnet, ich packe beherzt zu und schnell das Plastik, an dem der Rest Soße noch klebt, in meinen Müllbeutel. Meine Sportskollegen geht es ähnlich. Vor allem um die Sitzbänke liegt die Umweltverschmutzung.

Nach wenigen Minuten ist das E-Center in Sicht, die Müllbeutel allein von der Weimarstraße schon halb voll. Dort angekommen mache ich zwischen Getränkemarkt und Donau eine besondere Entdeckung: Eine Spritze. Heroin? Ich will es gar nicht genau wissen. Vorsichtig nehme ich die Spritze in die Hand und entdecke, dass die Nadel fehlt. In der rechten Hand halte ich den Müllbeutel, in der linken die Spritze. Weg damit.

Während ich über diesen Fund kurz nachdenke, sind meine Kollegen bereits unter den Brücken Richtung Koppenland zugange. Dort haben sie keine Probleme, ihre Säcke komplett mit Müll zu befüllen. Während wir einsammeln erzählt mir Eva Cobos von den Sportfreunden: „Ich laufe sonntags hier oft meine Runde entlang der Donau. Hier bei den Brücken wird oft gefeiert. Der Ort ist oft vermüllt und er ist bekannt dafür. Hier könnte die Stadt definitiv Mülleimer aufstellen“, schildert sie mir ihre Beobachtungen, während wir weiteren Unrat auflesen.

Die „Plogging“-Teilnehmer zücken ihren zweiten Müllbeutel aus den Taschen, schlagen ihn auf. Im Koppenland marschieren wir über die Brücke, sammeln im Donaupark weiteren Müll ein. Zwar komme ich beim „Plogging“ nicht aus der Puste, dafür werden bei den Kniebeugen andere Muskelpartien trainiert, denn mehrmals pro Minute geht es für mich runter in die Hocke. Häufiger erkenne ich im ersten Moment den Müll nicht genau, so auch dieses Mal. Ich ziehe mit meinem Daumen und Zeigefinger zwischen den Blättern etwas heraus. Wie sich eine Sekunde später herausstellt, ist es ein Kondom. Ob mit oder ohne Inhalt nehme ich nicht zur Kenntnis. Schnell wandert mein Blick Richtung Donau, während ich das Kondom in den Müllsack beförderte. Ekelhaft! Eigentlich will ich noch einen Abstecher zum Hauptbahnhof machen. Ich verzichte freiwillig. Ohnehin kann ich gar nicht mit mehr als zwei vollen Müllbeuteln zurücklaufen.

Langsam nähern wir uns Richtung Ziel – dem Marktplatz. Im Laufschritt und in Laufklamotten geht es durch die Innenstadt. Mehrere Passanten schauen uns hinterher. Verständlich, denn wer sieht schon 15 Läufer mit vollen Müllbeuteln in jeder Hand am Samstag durch die Innenstadt joggen. Ich blicke zu meinen Sportkollegen und stelle fest: Jeder lächelt und ist positiv gestimmt. Warum? Weil wir mit dieser Aktion ein starkes und sichtbares Ausrufezeichen gegen die Umweltverschmutzung setzen. Der Teamgedanke, der soziale und gesundheitliche Aspekt sowie ein positives Zeichen in Sachen Umweltschutz vereinen wir mit „Plogging“.

Auf dem Marktplatz stellen wir die Säcke demonstrativ ab. „Dass wir so viel Müll sammeln, hätte ich nicht gedacht“, sagt mir Eva Cobos. Zwischenergebnis: Vier Kilometer in 50 Minuten und 23 volle Müllsäcke. Damit nicht genug: Weitere TSF-Lauftreffler ziehen weiter Richtung Stadthalle, werden auch dort fündig. Ein Laptop, viel Plastik und Schmuck landen in den Müllbeuteln. Das sich die Aktion lohnt, ist am Endergebnis mehr als deutlich zu erkennen. Vielleicht wirken beim nächsten Mal ja noch mehr Sportler mit.

Mein Fazit der „Plogging“-Aktion quer durch Tuttlingen: Es hat Spaß gemacht. Die Gruppendynamik hat mich motiviert und ich habe die ein oder andere Ekelprüfung überwunden. Letztlich überwiegt und bleibt das positive Gefühl, die Stadt mit meinem Beitrag ein Stück weit sauberer gemacht zu haben. Und für alle, die diesen Müll hinterlassen haben, bleibt nur ein Wort übrig: Pfui!

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