Über Eselsbrücken zur Meisterschaft spazieren

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Simon Reinhard lässt sich zwar in die Karten schauen, aber schlagen lässt er sich nicht gerne: In Tuttlingen will der hauptberuf
Simon Reinhard lässt sich zwar in die Karten schauen, aber schlagen lässt er sich nicht gerne: In Tuttlingen will der hauptberufliche Jurist an diesem Wochenende seinen Titel als Deutscher Gedächtnismeister verteidigen. (Foto: Memo Masters)
Anna Ernst

In seiner Disziplin zählt Simon Reinhard zur absoluten Weltspitze. Er ist zweimaliger Weltmeister, amtierender Europameister und amtierender deutscher Meister. Er hat in den vergangenen zehn Jahren so viele Titel gewonnen wie niemand zuvor. Für jeden anderen dürfte es schwer sein, sie sich alle zu merken. Dem Münchner hingegen fällt das leicht. Er ist Gedächtnissportler.

In China, wo der Gedächtnissport sehr populär ist, würden einige Passanten den 40-jährigen Deutschen vielleicht auch auf der Straße wiedererkennen. Dutzende Millionen Asiaten haben seine Auftritte in chinesischen Fernsehshows verfolgt, in denen er seine Fähigkeiten demonstriert hat. Auf dem Handy hat Simon Reinhard ein kurzes Video davon: Eine große Menschentraube umringt den Deutschen nach der Fernsehaufzeichnung, streckt ihm Notizbücher und Zettel entgegen, auf denen er unterschreiben soll.

Im Münchner Café reicht ihm der Kellner bloß die Speisekarte. Hier ist Simon Reinhard ein ganz normaler Gast aus der Nachbarschaft, der im Business-Chic mit weißem Oberhemd, Ledergürtel und dunkler Anzughose ein Früchtemüsli und Cappuccino bestellt. Der Gedächtnissportler wirkt entspannt, obwohl es nur noch wenige Tage bis zu den 21. Deutschen Gedächtnismeisterschaften sind. In Tuttlingen will der hauptberufliche Jurist an diesem Wochenende seinen Titel verteidigen. Die Sportler messen sich dort in insgesamt zehn Disziplinen. Während des Wettkampfes müssen sie sich möglichst viele Wörter, Zahlen, Namen, Spielkarten oder auch Geschichtsdaten einprägen und diese korrekt wiedergeben.

Training mit Mnemotechniken

Simon Reinhards Lieblingskategorie sind Namen und Gesichter. Viele Deutsche haben genau damit ihre Probleme im Alltag. Der Münchner aber hat schon als Kind festgestellt, dass er in diesem Bereich eine besondere Begabung hat. „Wenn ich mit meinen Eltern vorm Fernseher saß, kam oft die Frage, wie der Schauspieler im Film denn heißt.“ Schon als kleiner Junge wusste er meist die richtige Antwort. „Studien sagen, dass man dafür auch eine genetische Veranlagung haben kann“, weiß er heute. Doch ein Meistertitel fällt auch ihm nicht einfach in den Schoß. Täglich trainiert er vor dem Turnier Mnemotechniken. „Das Coole ist, dass sie nicht nur für irgendein Zahlenmerken klappen, sondern dass man sie auch während des Lernens im Job oder im Studium anwenden kann.“

Reinhard selbst stieß beim Büffeln für die juristischen Staatsexamen erstmals auf den Gedächtnissport und die Merktechniken. Er suchte im Internet nach Lernmethoden, um sich Gerichtsurteile schneller und detaillierter merken zu können. Durch Zufall fand er die Internetseite (www.memoryxl.de) der Europäischen Gesellschaft zur Förderung des Gedächtnisses – eben jenes deutschen Vereins, der auch die deutschen Meisterschaften ausrichtet. „Es gab dort schon damals ein Onlinespiel, mit dem man sein Gedächtnis testen und trainieren konnte.“ Das Spiel war in Leveln aufgebaut, die immer schwieriger wurden. „Als alter Videospieler aus den Neunzigern hat das meinen Ehrgeiz geweckt.“ Ziemlich schnell aber stellte er fest, dass die höheren Spiellevel ohne spezielle Merktechniken nicht zu knacken waren. „Ich war zwar erst skeptisch, aber dann habe ich gesehen, dass es wirklich funktioniert.“ Nur ein Vierteljahr nachdem erst das Spiel erstmals ausprobiert hatte, meldete er sich bei seiner ersten süddeutschen Meisterschaft an. „Damals war ich natürlich noch total chancenlos. Aber mir haben die Community und die Atmosphäre gefallen.“ Also blieb er dabei.

Mit der Loci-Methode zum Erfolg

Mit der sogenannten Loci-Methode schaffte er es dann auch, bei beiden Staatsexamen unter den besten acht Prozent seines Jahrgangs zu landen. Alles was er dafür brauchte, waren Schlagworte und schöne Spazierstrecken durch München. „Dem Gehirn fällt es leichter, wenn es Informationen mit Orten verknüpfen kann“, erklärt er. Im Kopf schritt er den Weg durch den Englischen Garten ab und merkte sich zu jedem markanten Punkt im Park ein Stichwort aus dem Gerichtsurteil, das er lernen wollte.

Heute hat er Hunderte dieser Spazierstrecken im Kopf. Manche verwendet er nur für Wettkämpfe, andere auch, um sich wichtige Dinge im Beruf zu merken. „Natürlich brauche ich das nicht für alles, was ich mir merken möchte“, sagt er. „Im Alltag ist es nur eine Ergänzung.“ Den klassischen Einkaufszettel schreibt er bei größeren Besorgungen trotzdem noch. „Dabei lohnt der Aufwand ja nicht.“ Bei längeren Vorträgen hingegen greift er gerne auf die Merktechniken zurück, um frei sprechen zu können.

Bei den Wettbewerben hingegen muss er unter Zeitdruck die Informationen speichern. In seiner Paradekategorie Namen und Gesichter brach er schon vor Jahren die ersten Rekorde. 15 Minuten lang darf er sich dabei die Porträts und die Zufallsnamen auf einem Zettel anschauen. Anschließend soll er 30 Minuten alles Gemerkte wiedergeben. 2014 baute er in dieser Kategorie einen neuen Weltrekord auf: 186 internationale Vor- und Nachnamen konnte er wiedergeben.

Lustige Eselsbrücken bauen

Der 40-Jährige baut sich dafür Eselsbrücken. „Wenn jemand beispielsweise Thomas heißt, dann denke ich an ein Wort, das mit ähnlichen Buchstaben anfängt: zum Beispiel Tomate.“ Dann präge er sich ein, ob die Person, die er sich merken soll, „irgendetwas ‚Tomatiges’ an sich hat“: ein rotes Kleidungsstück vielleicht, leuchtende Wangen oder eine besonders runde Nase. Eine andere Variante sei es, an andere Menschen mit dem gleichen Namen zu denken und eine Verbindung aufzubauen. Bei einem Thomas mit Halbglatze denke er zum Beispiel an den Theologen Thomas von Aquin, der als Mönch eine Tonsur trug.

Wie aber lassen sich abstrakte Dinge wie lange Zahlenfolgen einprägen? Auch hierfür hat der Münchner Eselsbrücken gefunden. Für jede Ziffer sucht er einen Buchstaben, der ähnlich aussieht. „Die 1 wird bei mir zum Beispiel zu einem T und die 4 zu einem R.“ Um sich die Zahl 14 zu merken, denkt er also an die beiden Konsonanten und bildet ein Wort um sie herum. „Für die 14 steht dann zum Beispiel das Wort Trampolin. Und so hat man sofort wieder ein Bild im Kopf.“ Die Gedankengänge hören sich kompliziert an. In der Wettkampfsituation gehen sie blitzschnell. Für das Einprägen von 80 Ziffern hat Reinhard im vergangenen Jahr 16,85 Sekunden gebraucht. Auch das war ein neuer Weltrekord.

Von seinem Merktalent kann der 40-Jährige heute auch beruflich gut leben. Immer mehr Firmen hätten Interesse an Vorträgen und Mitarbeiter-Fortbildungen zu dem Thema. Simon Reinhard hat sich deshalb selbstständig gemacht und arbeitet als Coach. Seine Arbeit als Anwalt mit dem Schwerpunkt Immobilienrecht ist nur noch eines von zwei Standbeinen. Allein als Gedächtnis-Profi, der nur auf Wettkämpfe geht, könne man in Deutschland allerdings nicht gut leben. Dafür seien die Preisgelder nicht hoch genug, sagt er. „In China allerdings gibt es Firmen, die Gedächtnissportler sponsern.“ Dafür verpflichteten sich die Wettkampfteilnehmer aber auch, stundenlang pro Tag zu trainieren. Reinhard schüttelt den Kopf. Freiheit und Spaß bei den Übungseinheiten sind ihm wichtiger.

Karriere in China

Generell aber blickt er gerne nach China. „Das Lernen an sich hat in den asiatischen Kulturen einen höheren Stellenwert als bei uns“, sagt er. „Deshalb gibt es dort auch so viele Eltern, die ihre Kinder zu Gedächtnissport-Turnieren schicken.“ Reinhard will seine Bekanntheit in China noch ausbauen. Der eloquente Unternehmer kann sich vorstellen, auch in Ostasien Aufträge als Coach anzunehmen. Seit Kurzem lernt er dafür Chinesisch. Mit Merktechniken sei auch das gar nicht so schwierig, sagt er schmunzelnd.

Zunächst aber steht jetzt die Meisterschaft in Tuttlingen im Vordergrund. Dort freut sich Reinhard, viele Freunde und Bekannte aus der Community zu treffen. Der Verein, der das Turnier ausrichtet, zähle nur um die 200 Mitglieder. Viele von ihnen sind wie Reinhard Akademiker. Man kennt sich gut, deshalb entstehe auf den Meisterschaften eine nahezu familiäre Atmosphäre.

In der Aesculap Akademie in Tuttlingen werden neben der Deutschen Gedächtnismeisterschaft gleichzeitig auch die German Open ausgerichtet. Hierzu sind auch internationale Gedächtnissportler eingeladen. Die Veranstalter rechnen mit vielen hochkarätigen Teilnehmern aus verschiedenen Ländern. Viele von ihnen werden gespannt auf die Leistungen von Simon Reinhard schauen – und sich bei dem amtierenden Europameister und Gedächtnis-Coach vielleicht auch den einen oder anderen Tipp holen.

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