Ölpreise fallen, Staaten kippen, Konflikte branden auf

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Professor Peter Pawelka ist einer der profiliertesten Analytiker des Nahen Ostens. Sein Wissen teilte er jetzt mit 130 Zuhörern
Professor Peter Pawelka ist einer der profiliertesten Analytiker des Nahen Ostens. Sein Wissen teilte er jetzt mit 130 Zuhörern beim Open Campus am Hochschulcampus Tuttlingen. (Foto: Regina braungart)
Regina Braungart

Islamischer Staat, syrischer Bürgerkrieg, Islamistischer Terror, Migrationsströme – und Europa ist die Nachbarregion: Für ein stärkeres Engagement Europas im Vorderen Orient plädiert der Tübinger Politikwissenschaftler Professor Peter Pawelka, einer der profiliertesten Analytiker der Region, in der Reihe „Arabischer Winter“ im Tuttlinger Open Campus. Am Dienstag findet der dritte Teil statt, in dem es um Ägypten geht.

Mehr europäisches Engagement bedeute auch: stärkeres europäisches Militär, Zugeständnisse an Russland in der Ukrainefrage, um die Großmacht zu Verhaltensänderungen im vorderen Orient zu bewegen. Und: eine große Konferenz unter Einbeziehung aller Länder und Akteure, die nur irgendwie beteiligt sind, „so eine Art Wiener Kongress“.

Dabei sollte es keine Tabus geben, sogar Grenzen ließen sich anders ziehen, angesichts der Tatsache, dass die vorhandenen nach dem Ersten Weltkrieg willkürlich gezogen wurden. Wirtschaftlich sei eine Stabilisierung durch Schaffung eines Binnenmarkts nur denkbar, wenn der Westen „über Jahre vergisst, dass er eine neoliberale Ideologie verfolgt.“

Region lebt vom Erdöl

Von einer der stabilsten Weltregionen an der Jahrhundertwende hin zu einer Krisenregion, in deren Konflikte die Länder weltweit verwickelt sind; das zu verstehen bedarf es der Analyse der Strukturen von Ländern, Regimen, deren Einkommen und internationalen Verflechtungen. Im ersten Teil hatte Pawelka diese mit dem Modell des Petrolismus erläutert: Eine ganze Region lebte davon, dass über den Verkauf von Erdöl internationale Renten eingeworben wurden, die wiederum national und regional verteilt worden sind.

In eine existenzielle Krise kam dieses System, so Pawelka, durch den starken Fall des Ölpreises in den 1990er-Jahren. Dadurch gerieten nicht nur die Staaten, sondern auch das internationale System in die Krise. Als Pawelka den rund 130 Zuhörern anhand mehrerer Schaubilder zeigte, wie verflochten die aktuellen Krisenmuster sind, erschloss sich ihnen, wie aussichtslos einfache Problemlösungsstrategien sind. Drei Konflike arbeitete Pawelka heraus: Den Konflikt der arabischen Ölstaaten und dem Iran um die Vorherrschaft mit dem Gegenstück Saudi-Arabien, die transnationale salafistische Revolution gegen die etablierten Eliten und die sie stützenden Patrone sowie staatsfreie Zonen in zerbrechenden Staaten mit fragmentierten Gesellschaften, in denen andere Staaten zu Haupthandelnden werden wie in Syrien.

Pawelka schilderte das Beharrungsvermögen Irans immer am Rande der wirtschaftlichen Existenzkrise angesichts von internationalem Druck und Isolation und den vor allem seit der Zerstörung Iraks gelungenen Aufbau einer schiitischen Achse quer durch viele Länder des Vorderen Orients. Schiitische Minderheiten waren in Zeiten des Petrolismus meist benachteiligt, auch im Irak. Daraus entwickelte sich mit dem Erstarken des Irans ein „schiitischer Widerstand“ in vielen Ländern. Viele iranische Elitesoldaten mischen in den derzeit geführten Kriegen mit.

Der zweite Konflikt ist eine Revolution von unten gegen die Eliten. Unter dem Überbegriff Salafisten finden sich Ideologien von modern-reformistisch bis fundamentalistisch-pursitisch, von friedfertig bis gewalttätig. Religiöse Werte und Normen werden nicht historisch interpretiert, sondern wie es gerade ins Konzept passt: Salafisten sehen in der westlichen Überlagerung und Anpassung des Islams die Ursache für dessen Niedergang nach der Hochkultur des Mittelalters. Salafismus sei daher eine Ideologie und keine Religion. Die so erfolgreichen Militärstrategen sind vor allem entmachtete irakische Elitetruppen oder tschetschenische und afghanische Kämpfern.

Opfer von anderen Konflikten

Dass in Ländern wie Libyen, dem Yemen, Syrien und Afghanistan keine autonomen Staaten mehr existieren, in Palästina, Sudan, Libanon und Irak gesellschaftliche Gruppen außenverknüpft handeln, liege daran, dass in der Krise des Petrolismus staatsfreie Räume entstanden und die Menschen wieder zu altbekannten Strukturen wie Clans und Stämmen als Ordnungsmuster zurück kehrten. Und diese oft Bündnisse eingehen mit ausländischen Staaten gegen andere soziale Gruppen und deren Patrone. „Damit wird der Vordere Orient auch zum Opfer zahlreicher Konflikte, die nicht die seinen sind.“

Am Dienstag, 14. Februar, findet das dritte und damit letzte Referat der Vortrags-Trilogie „Der Arabische Winter“ am Hochschulcampus Tuttlingen statt. Es geht dabei um „Ägypten zwischen Revolution und Restauration“. Die Open-Campus-Veranstaltung beginnt um 19 Uhr im Gebäude B, Uhlandstraße 11.

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