Cornelia Addicks

Fünf Männer aus dem Norden im Wettstreit um die Gunst der Juroren und des Publikums: Am zweiten Abend der 18. Tuttlinger Krähe haben die Besucher Kabarett mit und ohne Klavier erlebt und erhielten einen Einblick in Poetry Slam in der vollbesetzten Angerhalle.

„Stellen Sie die Kunst in den Vordergrund, nicht so sehr den Wettbewerb“, riet Moderator Matthias Brodowy eingangs den erwartungsvollen Gästen. Die Programmgestalter hatten einen ernsten Beitrag als Auftakt gewählt: Fünf Gedichte in der „Adoptiv-Sprache“ des gerade 29-jährigen Artem Zolotarov. Obwohl der aus der Ukraine stammende Poetry Slammer erst als Neunjähriger nach Deutschland kam, beherrscht der Bachelor in Germanistik und europäischer Literatur die Sprache meisterhaft und verarbeitet Alliterationen und Doppeldeutiges in seinen Versen zu Themen wie Konsumterror, Mobbing, Vorurteil und Integrationsproblematik.

Besonderen Eindruck hinterlässt das Gedicht „Angst“: Zolotarov personifiziert dieses starke Gefühl, verspricht Depressionen, flüstert diabolisch und erinnert dabei an die hypnotisierende Schlange Kaa aus „Mowgli“. Gruselig.

Herzlich gelacht wird dagegen bei dem Duo aus Dirk Tillack und Bernd Blömer, zwei kongenialen Kabarettisten aus Westfalen. Kein Gärtner unter den Krähe-Zuschauern wird in diesem Sommer eine Schnecke aufsammeln, ohne an die köstliche Schnecken-Pantomime der beiden zu denken. Aber auch die Sprachbeiträge haben es in sich: Da wird aufgezeigt, wie viel deutsche Wörter auf –los enden, gibt es eine Ode an das Dach und eine wortreiche Veralberung von „extremistischen Allergikern“. Nicht ganz so gut kommt die Überfischungs-Story an – man ist an der Donau und nicht an der Nordsee –, dafür ist der von Blömer gelesene und von Tillack mit enormem Körpereinsatz demonstrierte Albtraum „Ich bin Nicolas Sarkozy“ mit Jubel und Applaus quittiert.

In „Santa Sharia“ geht es umBurka und Sex mit 72 Jungfrauen

„Born in the BRD“ heißt das Programm von Özgür Cebe, in dem Blut türkische, armenische und kurdische Gene gegeneinander kämpfen. Religion und Politik sind die beiden Hauptthemen der mit Verve vorgetragenen Spöttereien und Sprachimitationen. Der Schalk blitzt aus den Augen des im Juni 1974 in Bielefeld geborenen Stand-up-Comedian und Schauspielers. Dass er auch singen kann, beweist „Özgürrr“ mit „Santa Sharia“, bei dem er Themen wie Burka und Sex mit 72 Jungfrauen in bekannten deutschen Liedern verarbeitet.

Der Senior der Wettbewerber beschließt den zweiten Abend amüsant und hochmusikalisch: Armin Fischer ist auf dem Piano mit einem Finger so treffsicher wie mit zehn, schafft es, aus dem Publikum zugerufene Titel – vom Bolero bis zu den Götterfunken – aus dem Stegreif umzuset, zen, und das auch noch parallel zueinander. Er gibt den unterforderten Barpianisten auf dem Kreuzfahrtschiff, den von der Mondscheinsonate eingeschläferten Zuhörer und den Pubertierenden, der unter der Bettdecke „Je t’aime, moi non plus“ auf der Melodica übt. Bis Mama das Zimmer betritt. Zuhause habe er ja einen Steinway, parliert der Mann in Frack und weißer Fliege, und behandelt den Yamaha-Flügel, wie der es verdient: mit Karateschlägen. Ganz schön Scho-päng!

Keine leichte Aufgabe für die sechsköpfige Jury! Und auch die Zuhörer vergeben ihre Platzierungen für den Publikumspreis erst nach intensivem Nachdenken.

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