Wenn das Leben am seidenen Faden hängt

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Dr. Ingo Rebenschütz
Dr. Ingo Rebenschütz (Foto: Manfred Brugger)
Manfred Brugger

Wann ist ein Mensch tot und wer bekommt überhaupt ein Spenderorgan? Diese und weitere Fragen haben am Donnerstagabend die Experten Dr. Ingo Rebenschütz und Stefan Awinski in der „Linde“ beantwortet. Mit Pater Josef Moosmann diskutierte auch ein Betroffener mit.

Damit hatten die Freien Wähler für ihre Podiumsdiskussion erfahrene Redner gewonnen. Rebenschütz ist verantwortlicher Chefarzt für Organtransplantationen im Kreisklinikum Tuttlingen, Awinski von der Deutschen Stiftung für Organtransplantationen im süddeutschen Raum. Pater Josef Moosmann aus Staufen (bei Freiburg) beleuchtete die andere Seite.

Der 66-Jährige erzählte, wiederholt am Rande des Todes gestanden zu haben, gepeinigt von Erstickungsängsten. Eine Spenderlunge schenkte ihm 2016 gerade noch rechtzeitig ein zweites Leben.

Wann ist ein Mensch tot? Dies legte Rebenschütz dar. Die geltende Definition hebt auf den Hirntod ab, den vollständigen Ausfall der Steuerungszentrale, womit die „Einheit Mensch“ unwiederbringlich zerstört ist. Hirnschädigungen – man denkt im ersten Moment an schwere Motorradunfälle, weniger an vermeintlich harmlose Stürze daheim - können mit Hirnblutungen verbunden sein, die das Gehirn anschwellen lassen. Und weil die Schädeldecke den Raum limitiert, kann der Druckanstieg im Gehirn zu fatalen Quetschungen führen.

Die Hirntod-Diagnostik unterliegt einem strikten Vieraugenprinzip zweier erfahrener Untersucher, die frei von Drittinteressen sein müssen. Also nicht an der späteren Organentnahme beteiligt sein dürfen. In einem dreistufigen Verfahren werden zunächst die gegeben sein müssenden Voraussetzungen geprüft (liegt eine schwere Gehirnschädigung vor und nichts anderes?). Danach werden die klinischen Symptome des Ausfalls amtlich festgestellt, beispielsweise fehlende Reflexe bei Patienten im Koma. Und zuletzt muss die Unumkehrbarkeit per Wiederholung des ganzen Procederes nach einer definierten Wartezeit nachgewiesen werden.

Lebensdauer der gespendeten Organe nimmt zu

Stefan Awinski, erfahrener Organspende-Koordinator, führte den komplexen Organspende-Prozess vor Augen. Wer bekommt – Stichwort Warteliste – überhaupt ein Spenderorgan ? Am häufigsten transplantiert werden Nieren, gefolgt von Lunge, Herz, Leber und Dünndarm bis hin zum Pankreas, der Bauchspeicheldrüse.

Die Zuteilungen erfolgen seit dem Organspendeskandal 2011 im Rahmen eines internationalen Verbundes, in dem Deutschland Spender-Schlußlicht ist. Die Lebensdauer der gespendeten Organe im neuen Körper nimmt zu. Nieren können bis zu 40 Jahren im neuen Körper bleiben. Anders sieht es bei den Wartezeiten ausweil die Spender fehlen - in Deutschland kommt ein einziger auf eine Million Einwohner. Das könne für lange und vergeblich Wartende irgendwann den Tod bedeuten, so Awinski.

Die Referenten sprachen auch den Vorstoß von Gesundheitsminister Jens Spahn an, dass einem Organspendeausweis aktiv widersprochen werden sollte. Dies sei in vielen anderen Ländern längst Standard.

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