„Vorsicht, es wird laut“

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Die Band van Holzen kann mehr als nur Holzen: Florian Kiesling (Sänger und Gitarrist), Daniel Kotitsche (Drummer) und Jonas Schr
Die Band van Holzen kann mehr als nur Holzen: Florian Kiesling (Sänger und Gitarrist), Daniel Kotitsche (Drummer) und Jonas Schr (Foto: Cornelia Addicks)
Schwäbische Zeitung
Cornelia Addicks

Fünf deutsche Bands besuchen derzeit an der Bundesakademie einen „Meisterkurs für populäre Musik“. Das Projekt des Deutschen Musikrats ist kein Wettbewerb, sondern eine intensive Rundum-Qualifizierung von Nachwuchssängern und -musikern.

Der neue Musiksaal der Akademie – noch gar nicht offiziell eingeweiht – ist am Dienstagnachmittag Ort für ein „Plenum“: Die Teilnehmer der ersten Arbeitsphase und einige ihrer Dozenten sitzen auf Stühlen oder liegen auf Matten und hören Markus, Martin und Mirko zu. Die drei kannten sich vor ein paar Tagen noch gar nicht. Nun hatten sie die Aufgabe, innerhalb von 60 Minuten einen Song zu gestalten, passend zu einem Bild.

Die drei hatten sich für ein Schwarz-Weiß-Foto eines alten Mannes entschieden, der vor einer Backsteinmauer steht, mit Mantel, Krawatte und Hut, zwei Tragetaschen in den Händen. Das zusammengewürfelte Trio setzte den „melancholischen aber entschlossenen“ Eindruck, den der Porträtierte auf sie machte, im Indie-Stil um: mit Klavier-E-Gitarre und einem kleinen Drum-Set. Anschließend gaben sie einen Einblick in ihr „Ad-hoc-Songwriting“. Zuvor hatten schon andere fünf gemischte Trios ihre Blitzarbeiten vorgestellt, mal eine Ballade, mal Stücke im Pop- oder Folkstil.

„Das ist wie ein Sprung ins kalte Wasser“, sagt Henning Rümenapp, künstlerischer Leiter des mittlerweile 11. Pop-Camp-Jahrs. „Klar geben wir hier und da Hilfestellung, aber es ist erstaunlich, was praktisch aus dem Nichts heraus entstehen kann“. In Bands habe jeder eine feste Aufgabe, doch bei diesem Workshop würden neue Wege erkundet. „Das sind wichtige Erlebnisse“, meint Rümenapp.

Der 39-Jährige war 1994 Gründungsmitglied der „Guano Apes“ und ist seither Gitarrist der Band. Als Gastmusiker ist er auch auf Herbert Grönemeyers Album „Mensch“ zu hören. Er ist stolz auf seine sieben Dozentenkollegen: „Alles sehr renommierte Leute“. Und dem Pop-Camp eng verbunden. So hatte Nicholas Müller, bis vor einem Jahr Sänger von „Jupiter Jones“, 2005 am ersten Pop-Camp teilgenommen – als „Auszubildender“. Jetzt ist er als einer der Dozenten speziell für die Bereiche Arrangement, Songwriting und Produktion zuständig. „Wenn das nicht nachhaltig ist“, meint Rümenapp zwischen zwei Bissen Käsekuchen in der Cafeteria der Bundesakademie.

Nach einem Jahr Pause wegen der Umbauarbeiten – das Pop-Camp war nach Hammelburg ausgewichen – freut er sich, wieder eine Woche lang in Trossingen sein zu können: „Die Freundlichkeit des Teams der BA ist beispiellos“, schwärmt er und holt sich noch ein Stück Kuchen.

Nur die jüngsten Teilnehmer sind schon wieder zugange: Im Raum E4 arbeiten Florian Kiesling (16, Sänger und Gitarrist), Daniel Kotitsche (15, Drummer) und Jonas Schramm (15, Sänger und Bassist) an ihrem neuen Song „Scheintod“. „Vorsicht, es wird laut“, warnt Daniel.

Tatsächlich ist es gut, dass der Raum durch die Doppeltür und die Spezialfenster so gut wie schalldicht ist, denn die drei jungen Ulmer geben alles: „Das Licht scheint nur auf Dich, flimmert und bricht, Scheintod, Scheintod, nur Schatten kein Gesicht. Erkennst Du mich nicht?“ heißt es im Refrain. Markant auch die Songs „Wüste“ und „Nackt“, mit denen sie sich für das PopCamp qualifiziert hatten.

Aber woher der Bandname „Van Holzen“? Daniel erklärt: „Die Band wurde 2009 gegründet, hieß damals Rockfish“. Aber sie seien älter geworden, wollten sich einen neuen Namen geben. „Holzen“ steht laut Duden auch für „hart und roh spielen“, das habe zum neuen Image der Band gepasst. „Und das ‚van‘ davor gibt uns noch das gewisse Etwas und lässt sich graphisch gut darstellen“, fügt der Drummer verschmitzt hinzu.

Am anderen Ende der Altersskala steht das Berliner Trio Mockemalör: Drummer Martin Bach zählt schon 34 Jahre. Die Sängerin Magdalena Ganter ist ein Schwarzwaldmädel, stammt aus Hinterzarten. Sie singt mit dem kehligen „ch“ ihres Heimatdialekts von Gespenstern, umspielt von Simon Stegers Synthesizer. Doch beim Pop-Camp wollen die drei sich neu orientieren, sich Tipps holen für ihr neues Album, das den Arbeitstitel „Dynamit“ hat.

Aus Bonn kommt das Pop/Funk/Rock-Quartett Steel a Taxi; aus Köln kommen die fünf OWs. Alternativ-Rock ist durch ein bayerischen Quartett vertreten: die Blackout Problems aus München. Ihre Live-Shows werden mit einer Torte verglichen, die „dem Zuschauer ins Gesicht klatscht, ihn wachrüttelt“.

Ende November geht es für die fünf Bands in Wolfenbüttel in die zweite Arbeitsphase.

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