Vor 65 Jahren zog erstmals die Müllabfuhr durch Schura

Die Geschichte der Müllabfuhr in Schura beginnt erst in den 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts.
Die Geschichte der Müllabfuhr in Schura beginnt erst in den 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. (Foto: Symbol: Huber)
Wolfgang Schoch

Vor wenigen Tagen ist in der Stadt die „Aktion Müllsammeln in Corona“ der Trossinger „Agendagruppe Artenvielfalt“ sowie des CDU-Stadtverbandes Trossingen und anderen Gruppen zu Ende geganen. Tatsächlich blickt das Thema der Müllentsorgung in Schura auf eine 70-jährige Geschichte zurück.

Eine Aktion die wohl bitter notwendig war, wenn man die Berge von Müll, die die freiwilligen Sammler zusammengetragen hatten, betrachtet. Bereits 20 Jahre zuvor hatte die BI Schura ähnliche Aktionen durchgeführt und versucht, die Einwohner zu sensibilisieren, mehr auf ihre Umwelt zu achten.

Bis Ende der 40er Jahre waren die Wälder rund um Schura, so erinnern sich die Ältesten, wie „aufgeschleckt“. Brennholz war knapp, deshalb wurde alles zusammengetragen was brannte. Und Haushaltsgegenstände waren zu wertvoll, als dass man sich ihrer durch Wegwerfen entledigte. Konsumgüter wie heute gab es noch keine.

Dies änderte sich schlagartig mit dem Beginn der Wohlstands- und damit der Wegwerfgesellschaft anfangs der 50er-Jahre. Altes wurde gegen Neues ausgetauscht, die Wirtschaft blühte, jeder hatte Arbeit und konnte sich was leisten. Der Wunsch und der Bedarf nach Neuem war da. Den Menschen ging es wieder gut. Aber wohin mit den alten Sachen, mit dem ganzen Müll?

Eine Müllabfuhr gab es in Schura zu der Zeit noch nicht. So wurde der Müll entlang der Feldwege und in den Wäldern heimlich entsorgt, wie aus den Protokollen des Gemeinderates von damals schon hervorgeht. Mehr illegal als legal und dennoch von der Gemeinde geduldet entstand schließlich der erste Müllplatz.

Dieser lag, wie auch bei den anderen Orten, jeweils am Ortsrand zur nächsten Gemeinde, um die Wohnsiedlung zu schützen, den Schandfleck zu verbergen. In Schura wurde hierzu der Wald an der Markungsgrenze zu Tuningen auserkoren, dort wo heute die neue Umgehungsstraße in den Kreisverkehr, beziehungsweise in die Landesstraße 429 einmündet, unweit der Maschinenfabrik. Hauptsache weg vom Dorf und aus dem Blick.

Dies gefiel dem damaligen Revierförster, Forstmeister Kleinbeck, sozusagen dem ersten Umweltschützer von Schura, jedoch ganz und gar nicht. Im Jahr 1956 stellte er beim Bürgermeister der Gemeinde den Antrag, die Müllhalde im Wald Richtung Tuningen zu schließen und sich statt dessen mit der Stadt Trossingen zu einigen, deren Platz, das „Wohlwert“, mitbenutzen zu dürfen.

Natürlich lag der Trossinger Müllplatz ebenso an der Stadtgrenze, in diesem Fall zu Schura hin. Damit auch alles richtig und organsiert abläuft, ging der Gemeinderat von Schura sogar noch einen Schritt weiter und führte sogleich die Gemeinde-Müllabfuhr ein.

Ab Februar 1956 fuhr der Landwirt Ernst Link mit dem Gemeindefuhrwerk, einem Zweispänner, und zwei weiteren Gemeindebedienstete einmal im Monat durch das Straßendorf und sammelte den am Straßenrand, damals noch offen abgestellten Müll ein. Sperrige Güter wurden nicht mitgenommen. Diese landeten weiterhin entweder auf dem Müllplatz oder entlang der Feld- und Waldwege. Die Tage an denen der Müll eingesammelt werden sollte, wurde zuvor durch Ausschellen des Dorfpolizisten bekannt gemacht.

Drei Jahre später, 1959, stiegen die Unkosten für die Müllbeseitigung derart in die Höhe, dass der Gemeinderat sich gezwungen sah, eine Müllgebühr von zwei D-Mark pro Haushalt und Jahr einzuführen. Damals hatte Schura insgesamt 190 Haushalte.

Auch in Trossingen nahmen das Müllaufkommen zu, weshalb das „Wohlwert“, wie der Müllplatz im Volksmund geheißen hatte, vergrößert werden musste.

Weshalb die Trossinger den seit den 30er-Jahren existierenden Müllplatz namensgleich wie die damaligen jüdische Kaufhäuser in Württemberg ausgerechnet „Wohlwert“ nannten, lässt sich nur vermuten. Gegen Ende der 30er Jahre und nach der Reichskristallnacht wurden in sehr vielen württembergischen Städten alle Wohlwert-Kaufhäuser, die noch im jüdischem Familienbesitz waren, von den Nationalsozialisten boykottiert, zum Teil geplündert und später arisiert. Ob die Einwohner zu der Zeit mit der Benennung ihres Müllplatzes als „Wohlwert“ eine ebensolche Herabwürdigung und Diskriminierung der jüdischen Gesellschaft beabsichtigt hatten, lässt sich nicht belegen, wenn auch beides in dieselbe Zeit fällt.

Noch lebende ältere Zeitzeugen aus Trossingen ist der frühere Spruch „Im Wohlwert (Müllplatz) ischt älles drin, wie beim Wohlwert (früher Kaufhaus)“. Damit standen die ehemaligen Kaufhäuser „Wohlwert“ synonym für den Trossinger Müllplatz.

In den Nachkriegsjahren hatte sich kaum noch jemand über die Herkunft der Namensbezeichnung „Wohlwert“ Gedanken gemacht hat. Der Nennung für den Müllplatz war und ist bis heute als fester Begriff im Volksmund verankert.

Zurück zu Schura: Mitte der 60er-Jahre nahm der Müll, der weiterhin noch offen am Straßenrand zur Abfuhr abgestellt war, immer mehr zu. Der Gestank und die hygienischen Zustände waren es schließlich, die den Fuhrwerksbetreiber, der einmal im Monat den abgestellten Müll einsammeln musste, der Gemeinde die rote Karte zeigte. Er weigerte sich, den Müll weiterhin einzusammeln und abzutransportieren, sollte der Gemeinderat keine andere Lösung finden.

Zu dieser Zeit hatten schon viele Familien ihre Nebenerwerbslandwirtschaft aufgegeben. Anfallender Biomüll, der früher an die Schweine verfüttert wurde, landete nun im Hausmüll. Mülltrennung, wie es heute üblich ist, kannte man nicht.

Weil Handeln angesagt war, entschloss sich der Gemeinderat ab dem 1. Januar 1966 in Schura die Mülltonne einzuführen. Diese war zwar noch keine Tonne wie heute, sondern Müllsäcke aus Papier, in die aber keine flüssigen oder nassen Abfälle entsorgt werden durften.

Mitte der 60er-Jahre verstarb der Landwirt Ernst Link, der bis dahin die Müllabfuhr durchgeführt hatte, völlig überraschend. Nachfolgend übernahm Hans Hausers, der „Ziegler Hans“ mit seinem süddeutschen Kaltblut-Pferd „Helga“ als Einspänner den Dienst. Wegen des immensen Zuwachses an Müll war dies jedoch keine Dauerlösung.

Mit Beginn der ersten Müllverbrennungsanlagen in den Ballungszentren fand auch in der hiesigen Region ein Umdenken statt. So wurde zur Errichtung einer Müllverbrennungsanlage in der Region 1969 ein Zweckverband gegründet. Auch die Gemeinde Schura wurde gebeten, diesem beizutreten. Der Gemeinderat lehnte das Angebot jedoch ab mit der Begründung: „So lange Schura seinen Müll in Trossingen ablagern kann, gebe es keine Notwendigkeit eine solche Absicht zu unterstützen“.

Schneller als gedacht kam dann aufgrund gesetzlicher Regelung zum 1. Januar 1975 die Schließung des „Wohlwerts“. Von da an übernahm die damalige Firma Heinemann die Müllentsorgung der Gemeinde. In den ersten Jahren kam der Müll auf die Wurmlinger Deponie, ehe diese dann selber wenig später geschlossen wurde.

Genau 20 Jahre später, 1995, flammte das Thema „Müllverbrennung“ in Schura und in der Region wieder auf. Dieses Mal als Objekt des Protestes. In Deisslingen-Lauffen sollte zu der Zeit eine große Müllverbrennungsanlage für die gesamte Region errichtet werden. Aus Angs vor schädlichen Emissionen in der Luft, die beim Verbrennen von Müll entstehen, hatte auch der der Ortschaftsrat Schura das Thema gleich mehrmals auf der Tagesordnung. Die Idee zum Bau der Anlage wurde später jedoch wieder verworfen.

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