Trend zur Mitte: Immer mehr Eltern entscheiden sich für Realschule

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 Viele Trossinger Eltern suchen das Heil in der Mitte: Die Realschule vermeldet für das kommende Schuljahr die höchste Anmeldeza
Viele Trossinger Eltern suchen das Heil in der Mitte: Die Realschule vermeldet für das kommende Schuljahr die höchste Anmeldezahl. (Foto: Archiv: DPA/Ebener)
Sabine Felker

Die Sorge, welche weiterführende Schule die richtige für das eigene Kind ist, treibt Eltern oft um. In Trossingen scheint sich derzeit der Trend zu verfestigen, dass viele Familien den Umweg über die Realschule wählen, um das achtjährige Gymnasium zu umgehen, ihren Kindern aber trotzdem den Weg zum Abitur offen zu halten. Doch auch Eltern, deren Kind eine Hauptschulempfehlung hat, entschieden sich für die Realschule. Oft auf Kosten ihrer Kinder.

Im September starten rund 230 Fünftklässler an Gymnasium, Realschule und Löhrschule ins neue Schuljahr. Einen Abwärtstrend erlebt die Löhrschule, die eine Werkrealschule ist und damit den Hauptschul- und den Realschulabschluss anbietet. Nur 22 Jungen und Mädchen sind von ihren Eltern fürs Schuljahr 2019/20 angemeldet worden und das, obwohl die Trossinger Grundschulen über 60 Empfehlungen für die Werkrealschule ausgesprochen haben. „Wir sind enttäuscht, dass sich so viele Eltern gegen die Empfehlungen entscheiden“, sagt Steffen Finsterle, Rektor der Löhrschule. Denn daran, dass diese Jungen und Mädchen auf seiner Schule richtig gewesen wären, hat er keinen Zweifel: „Wir starten jetzt mit 22 Kindern in die fünfte Klasse. Im Laufe des Schuljahrs kommen dann immer mehr Kinder von anderen Schulen zu uns und schließlich haben wir über 30 Schüler in der Klasse“, so Finsterle weiter.

Scheitern in der fünften Klasse

Finsterle geht davon aus, dass zu Beginn des übernächsten Schuljahrs die Klasse dann geteilt werden muss. „Das ist uns schon zwei Mal passiert“, sagt er. Für die Schüler sei das aus mehreren Gründen nicht optimal. Zum einen erlebten die Kinder, die an einer anderen Schulform scheitern, eine starke Verunsicherung, zum anderen sei die Bildung einer Klassengemeinschaft erschwert, wenn im Laufe des Schuljahrs ständig neue Kinder in die Klasse integriert werden müssen. „Und am Ende der fünften Klassen werden sie dann wieder auseinander gerissen, weil wir die dann übervolle Klasse teilen müssen“, bringt der Rektor die Folgen der falschen Schulwahl auf den Punkt. Denn auch wenn die Kinder an der Realschule einen Hauptschulabschluss machen können, so scheiterten viele bereits in der fünften oder sechsten Klasse. „Da werden nämlich alle noch auf dem Realschulniveau unterrichtet“, so Finsterle

Dass Eltern sich nicht immer an die Empfehlung der Grundschule für die weitere Schullaufbahn des Kindes halten, ist auch die Erfahrung von Udo Kohler, Rektor der Trossinger Realschule. An seiner Schule macht sich dieser Trend mit steigenden Zahlen bemerkbar. 122 Jungen und Mädchen sind für die fünfte Klasse dort angemeldet worden. „Im Normalfall gibt es noch ein paar Nachzügler, wir gehen deshalb von 125 Schülern aus“, so Kohler.

„Breite Durchmischung“

In den Gesprächen mit Eltern zeige sich, dass sowohl Kinder mit Hauptschulempfehlung als auch solche mit Gymnasialempfehlung an der Realschule angemeldet würden, so der Rektor. Die einen hofften, dass ihr Kinder noch leistungsmäßig an der Realschule Fuß fassen, die anderen wollten eine Art G9, also eine verlängerte Schulzeit hin zum Gymnasium haben. Letztere hofften, so Kohler, dass „ihre Kinder in aller Ruhe und Gelassenheit die Mittlere Reife machen und später aufs Aufbaugymnasium gehen“. So sitzen in den Klassen Jungen und Mädchen, die von ihrem Leistungsstand zum Teil weit auseinander liegen. „Wir haben eine breite Durchmischung. Das ist unsere Herausforderung, aber nicht erst seit gestern“, so Kohler weiter. Die Bandbreite habe zwar zugenommen, doch die Lehrer fingen dies durch unterschiedliche Aufgaben im Unterricht auf.

Kindern, die mit dem Lernniveau der Realschule überfordert sind, können zum Teil trotzdem an der Schule bleiben und werden auf dem sogenannten G-Niveau unterrichtet. „Sie machen dann nach der neunten Klasse den Hauptschulabschluss“, sagt Kohler. Ein Wechsel zurück in den Realschulzweig sei bei sehr guten Leistungen ebenfalls möglich.

Fünf fünfte Klassen müssen nun in der Realschule untergebracht werden. Räumlich sei die Schule zwar schon am Limit, aber „wir kriegen das trotzdem hin“, so der Rektor. Möglich sei dies, weil die Realschule seit einigen Jahren das Lehrraumprinzip verfolgt. Das bedeutet, dass es keine klassischen Klassenzimmer gibt, sondern die Klassen zu den jeweiligen Fachlehrern in deren Raum kommen.

Das Trossinger Gymnasium hat drei fünfte Klassen ans Regierungspräsidium, das für die Genehmigung zuständig ist, gemeldet und hat damit weiter die Dreizügigkeit. „Wir haben 82 Anmeldungen und planen mit drei Klassen“, so Markus Eisele, Rektor des Gymnasiums. Weil im kommenden Herbst weniger Kinder das bilinguale Angebot in Anspruch nehmen wollen, als für eine eigenständige Klasse nötig sind, müsse das Konzept etwas angepasst werden, so Eisele.

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