Tangoklänge durchziehen Konzertsaal

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Gabriel Merlino und Sängerin Vanina Tagini sorgten für mitreißende Tangoklänge. (Foto: Jörg Tisken)
Schwäbische Zeitung
Jörg Tisken

Manchmal gehen in der Musikstadt Trossingen musikalische Preziosen an der Öffentlichkeit vorbei. So ist das Bandoneon-Konzert im Hohner-Konservatorium jetzt – obwohl angekündigt – weitgehend auf die Teilnehmer eines Workshops beschränkt geblieben.

Aus der großen Zahl unterschiedlicher Handzuginstrumente – von den Piano- und Knopfgriffakkordeons über die diatonischen oder steirischen Harmonikas bis zu den Schwyzer Örgeli – fallen zwei Arten durch die symmetrische Knopfanordnung, die eine völlig andere Spielweise verlangt, heraus: die Concertinas und die Bandoneons. Sie werden sozusagen frei schwebend gespielt, nicht an Trägern gehalten, sondern nur an Schlaufen mit beiden Händen. Beim Bandoneon kommt noch ein weiteres wichtiges Körperglied hinzu: das Knie, über das der auseinander laufende Balg gebogen wird oder gar beide Knie, welche die Stützrahmen im Balg mit tragen, wenn das Instrument breit auseinander gezogen wird. Eigenheiten werden erläutert

All diese Eigenheiten und noch viel mehr führte der argentinische Bandoneonspieler Gabriel Merlino bei dem Konzertabend im Konservatorium bravourös vor. Und weil der Star aus der Bandoneonszene von Buenos Aires leidlich deutsch spricht, konnte er den Zuhörern durch vertiefende, oft humorvolle Erläuterungen noch mehr von den Eigenheiten seines Instruments mitteilen.

Gabriel Merlino hatte zudem eine Duo-Partnerin mitgebracht: Die Sängerin Vanina Tagini beschwor mit ihrer warmen und leidenschaftlichen Stimme all die Stimmungen, die im Tango argentino oder einer Milonga verborgen sind. Da ging es vor allem um Alma und Corazon (Seele und Herz), um Soledad und Tristeza (Einsamkeit und Traurigkeit). Und die virtuos gespielten Begleitfiguren aus dem Bandoneon, aufgebrochene Akkorde und geheimnisvolle Harmonien zwischen Dur und Moll, erweiterten solche melancholischen Ansätze erheblich. Die Beleuchtung im Konzertsaal des Konservatoriums tat ein Übriges: Die Fenster gegen das Abendlicht verhangen, die Deckenlampen heruntergedimmt. Solche Musik verlangt offenbar eines solches Halbdunkel.

Neben traditionellen Tangos und viel lateinamerikanischer Folklore kamen auch beherzt gespielte Bossanovas und Jazztraditionals zu Gehör. Auch Ausflüge in die brasilianische Klangwelt mit Jobims hinreißend gespielter und gesungener „Garota de Ipanema“ oder einem italienischen Chanson waren dabei. Dem Tango Nuevo von Astor Piazzolla wurde gleichfalls gebührende Reverenz erwiesen. Und immer wieder kam dieses raffiniert schwebende Balgvibrato zum Tragen, das Gabriel Merlino wie kaum ein anderer Künstler beherrscht.

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