Spion Hohner wurde der Tür verwiesen

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Ingo Hohner lässt die alte Hohner-Sirene erklingen.
Ingo Hohner lässt die alte Hohner-Sirene erklingen. (Foto: Elke Reinauer)
elre und Elker Reinauer

Mit dem Ton der alten Hohner-Fabriksirene am Kesselhaus ging es los: Zweimal hat Martin Häffner, Stadtarchivar und Leiter des Harmonikamuseums, am Tag des offenen Denkmals zahlreiche Interessierte zu Fuß durch Trossingens Stadtgeschichte geführt.

Das früher vielen Trossingern vertraute Hupen der Sirene wurde übrigens von Stadtrat Ingo Hohner ausgelöst. Den Schwerpunkt legte Martin Häffner dabei auf die Industriegeschichte der 20er-Jahre. Das Hohner-Areal nannte er „Die Hackeschen Höfe in klein“. 1997 wurde der längste Fabrikblock der Firma Hohner gesprengt.

Die nächste Station war der ehemalige Firmensitz von Matthias Hohner in der gleichnamigen Straße. Bis 1887 hatte Hohner es zum Millionär gebracht, 1890 war er sogar Schultheiß, erzählte Häffner. Dieses Amt gab er allerdings aus Zeitgründen auf.

Von der Hohnerstraße war die Friedensschule zu sehen, die 1923 mit Hilfe von Hohner-Geldern erbaut wurde. Denn die Schüler der damaligen Löhrschule hätten sich über den Lärm der Fabrik beklagt, so Häffner.

Dorthin ging es als nächste Station der Führung: ins heutige Hohner-Konservatorium. Von dort blickte die Gruppe die Straße hinunter auf das Geburtshaus von Matthias Hohner, der in einfachen Verhältnissen geboren wurde. Er war später sogar als „Spion“ aktiv, wie die Teilnehmer später von Häffner erfuhren. Denn Matthias Hohner sei oft Gast im Haus der Trossinger Fabrikantenfamilie Weiss gewesen - und beobachtete ganz genau, wie dort die Platten für die Harmonikas angefertigt wurden. Bis Weiss ihn eines Tages durchschaute und der Tür verwies, erzählte Häffner mit einem Schmunzeln die Anekdote.

An der Stückguthalle, wie die historische Lagerhalle am Stadtbahnhof ganz korrekt heißt, wartete Ingrid Dapp, Vorsitzende des Lebenshauses, auf die Gruppe. Der Verein hat das denkmalgeschützte Gebäude im vergangenen Jahr gekauft, um die Produktion des Nudelhauses dorthin zu verlegen, erzählte sie. Dapp ging kurz auf die Geschichte der Güterhalle ein. Sie wurde 1923 am Bahnhof gebaut, war ein Zeichen des Industriebooms und erinnert an Hohners Zeiten als Exportmacht. Besonders an ihr ist die Dachkonstruktion: „Diese wird von den Außenwänden getragen“, so Dapp. Die Schiene für die Schwerlasten ist noch heute an der Decke zu sehen, und die Anordnungen der Türen entspricht der Waggonlänge der damaligen Güterzüge.

Im strömenden Regen ging es Richtung des Alten Rat- und Schulhauses. Vorbei an der Kartonagen-Fabrik Birk und dem Rathaus, das 1904 erbaut wurde. „Trossingen hatte eben das Geld dazu“, sagte Häffner. In den umliegenden Dörfer dachte man wegen des prächtigen Rathausbaus, Trossingen sei verrückt. „Schließlich war die Stadt damals noch ein Dorf, sie erhielt erst 1927 Stadtrechte“, so Häffner. Und so kann man heute den eleganten Bau im Stil der Neorenaissance bewundern.

Im alten Rat- und Schulhaus, das über 500 Jahre alt ist, warteten heiße Suppe, Kaffee und Kuchen auf die Besucher. Häffner zeigte sich zufrieden darüber, dass so viele Interessierte zur Führung gekommen waren.

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