Sinfonietta erfüllt Henzes Wunsch

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Schwäbische Zeitung
Cornelia Addicks

Mit der „Kammermusik 1958“ haben am Sonntagabend die Aufführungen der „6. Tage der Neuen Gitarrenmusik“ an der Musikhochschule geendet. Im Fokus stand der Komponist Hans Werner Henze (1926 -2012), Sven Thomas Kiebler dirigierte das Sinfonietta-Ensemble.

Wie ein Spagat zwischen musikalischen Ausdrucksformen mutet die aus 14 Sätzen bestehende Komposition an, eine Auftragsarbeit für den NDR. Mit diesem Werk erfüllte sich Henze auch einen lange gehegten Wunsch: die Vertonung von Friedrich Hölderlins Hymne „In lieblicher Bläue“ aus dem Jahr 1823.

Pragmatisch wie er wohl war, bediente der Komponist mit diesem aufspaltbaren Zyklus auch noch die Wünsche der Berliner Philharmoniker und zweier Briten: des Tenors Sir Peter Pears und des Gitarristen Julian Bream.

In Trossingen sang Tenor Xuecheng Zhang die Worte Hölderlins vom „Geschrei der Schwalben“, von der Reinheit, die auch Schönheit sei, und von den Myrthenbumen, die das Haupt der Jungfrau umkränzen. Herb, zeitweise fast bedrohlich hatte Henze die Worte Hölderlins vertont, die existentiellen Fragen wie „Gibt es auf Erden ein Maß?“ oder „Möchte ich ein Komet sein?“ und die knappen Antworten: „Es gibt keins“ und „Ich glaube“.

Kiebler dirigiert mit Körpereinsatz

Mal nur von der Gitarre, dann wieder von dem achtköpfigen Ensemble begleitet, überzeugte Zhang die Zuhörer. Auch Sätze für „acht Solo-Instrumente“ waren aufwühlend. Mit großem Körpereinsatz dirigierte Kiebler, seit 2012 Dozent für Neue Musik an der Musikhochschule Trossingen, das 2011 gegründete Sinfonietta Ensemble, das am Sonntagabend mit Noam Carmon (Klarinette), Thomas Kirbisser (Horn), Yuxian Liu (Fagott), Julia Amirova und Min-Wei Chen (Violinen), Michael Kussmaul (Viola), Alexander Dohna (Cello) und Milena Röder-Sorge (Kontrabass) international besetzt war.

Als lieblichen Gegenpol genossen die Zuhörer die drei Tentos, von Gitarrist Thomas Menczel mit Hingabe und Akribie interpretiert. „Bei aller Atonalität sind sie ausgesprochen ‚romantisch‘ und melodiebetont“, urteilte ein Musikkritiker nach der Uraufführung im November 1958 in Hamburg über die drei fixierten Improvisationen, Fortführungen von Arbeiten, die Henze 1955 für den „Sechsten Gesang“ geschaffen hatte. Mit Bravo-Rufen und Beifall zollte das Publikum den Solisten, den Instrumentalisten und dem Dirigenten Anerkennung.

Die Gesamtleitung des dreitägigen Events hatte Andreas Grün, der als Dozenten auch Dr. Michael Kerstan gewinnen konnte, einen langjährigen Assistenten Hans Werner Henzes. Anerkennung verdient auch das gut gestaltete, 32-seitige Programmheft der „6. Tage der neuen Gitarrenmusik“.

Eine Fotogalerie der „Tage der Neuen Gitarrenmusik“ finden Sie unter

www.schwaebische.de/trossingen

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