Schon Matthias Hohner beobachtete die sächsische Konkurrenz

Lesedauer: 6 Min
  Dieses Porträt des Firmengründer stammt aus dem ältesten Hohner-Katalog bei. Der stammt von 1893/94, also ziemlich genau in de
Dieses Porträt des Firmengründer stammt aus dem ältesten Hohner-Katalog bei. Der stammt von 1893/94, also ziemlich genau in dem Zeitraum, als auch die zitierte Schriftquelle entstand. (Foto: Deutsches Harmonikamsueum)
Martin Häffner

1887/88 notierte der erfolgreiche Harmonikafabrikant Matthias Hohner (als Antwort auf einen nicht überlieferten Fragebogen), wie sich die Harmonikabranche entwickelte, und wie sich die Industrialisierung der Branche abgespielt hatte. Das Manuskript trägt den Titel „Beschreibung der hiereinstehenden und weiterfortschreitenden Mundharmonikafabrikation“ und stellt eine herausragende Schriftquelle dar.

Hohner – er schreibt von sich in der dritten Person – spricht das Verhältnis zur sächsischen Konkurrenz mehrfach an. Dabei ist nie explizit von Klingenthal oder den Nachbardörfern, sondern immer von „Sachsen“ die Rede.

Zunächst erinnert er sich an den Preiskampf mit der Trossinger Firma Messner und die um 1860 noch mindere Qualität der hiesigen Produkte:

Über die Brüder Christian und Johannes Messner schreibt er: „Da sie aber, weil jetzt schon viele Harmonika gemacht wurden, nicht genügenden Absatz hatten, so haben sie Ausgang 1860 die Preise um 25 % zurückgenommen. Jetzt ging eine trübe Zeit an. Es wurden immer mehr Harmonika gemacht + waren noch keine großen Absatzgebiete eröffnet, waren auch die Erzeugnisse noch nicht so vervollkommnet, daß sie mit der großen Concurrenz in Wien und Sachsen gleichen Schritt halten konnte, so wurden die Preise nurmehr zurückgesetzt + waren an einer Stufe angekommen, wo man nicht weiter zurückkonnte.“

Export nach Übersee bringt den Aufstieg

Doch Hohner und seine Trossinger Mitbewerber Messner, Weiss und Koch entwickelten in der Folgezeit ihre Mundharfen stetig weiter. Die 1880er-Jahre wurden zum entscheidenden Jahrzehnt. Die junge Harmonikaindustrie erlebte vor allem durch den Export nach Übersee sowohl in Klingenthal als auch in Trossingen einen phänomenalen Aufstieg.

In seiner Niederschrift würdigt Hohner die geniale Erfindung des Klingenthaler Maschinenfabrikanten Julius Berthold: „Im Jahr 1881/82 hat sich eine große Veränderung (…) vollzogen. Bis in diesem Jahr wurden bei allen hiesigen H.[armonika]fabrikanten die Töne an den Stimmen noch gefeilt, in diesem Jahr wurde hier bekannt, daß in Sachsen patentierte Maschinen für die dortigen H.-fabrikanten erfunden worden seien, die das Feilen der Stimmen ganz mache.

Die Gebrüder Messner schafften sich eine solche an, welche auf. ca. 22-2300 Mark zu stehen kam. Diese Maschine wurde durch eine Dampfmaschine in Betrieb gesetzt. Bei Schreiner Meister Strohm + rief hier[,] da die Maschine im Stande war, ganz gute Stimmen, täglich zu ca. 150 Dtz. Harmonikas fertig zu bringen, allgemeines Staunen hervor.

Diese Maschine wurde eine Zeit lang beobachtet + da sie sich vollständig bewährte, so hat sich Hohner auch entschlossen, eine solche anzuschaffen. Welche sich auch sehr gut rentierte.“

Auf der Baar beschränkte sich die Anzahl der Harmonikahersteller auf die vier Fabriken Hohner, Koch, Weiss und Messner. – Ein fünfter Produzent, Christian Bilger, verkaufte seinen Betrieb 1890. – Dagegen gründeten und behaupteten sich in und um Klingenthal mehr und mehr Firmen. Schon um 1890 ging die Zahl in die Dutzende.

Der Markt in Nordamerika schien unersättlich. Auf ihn warf sich auch der geniale Geschäftsmann Matthias Hohner. Sein Unternehmen produzierte im Jahr 1887 bereits über eine Million Mundharmonikas. Spätestens um 1890 war es die größte Mundharmonikafabrik der Welt.

In M. Hohners Niederschrift ist der Abschnitt „Absatzgebiete der Waren, Concurrenz, Rohstoffe …“ besonders aufschlussreich:

„Hier stoßen die Waffen aufeinander“

„Amerika, wohin hauptsächlich Hohner seine Waren versprüht, dieses Land, wohin auch hauptsächlich unsere größere Konkurrenz aus Sachsen und Wien verkauft, ist das größte Absatzgebiet für sämtliche in D + Ö gemachten H’s. Hier stoßen die Waffen aufeinander, es wird mit den Preisen fürchterlich gedrückt. Sachsen hat meistens mit bedeutend geringerer Ware spottbillige Preise, sodaß wir uns wundern, wie es möglich ist, auszukommen.“

Mit diesen Aussagen ging der Firmengründer indirekt auf sein Erfolgsrezept ein: die Vermarktung hochwertige Ware zum angemessenen Preis.

Fühlbar blieb die Klingenthaler Konkurrenz lange Zeit. Im 20. Jahrhundert hatten sich die nachfolgenden Hohner-Generationen mit ihr auseinanderzusetzen. Es wurde mit harten Bandagen gekämpft! Worüber noch berichtet wird.

Meist gelesen in der Umgebung
Mehr zum Thema
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen