Persönliche Erinnerungen an Jürgen Weimer

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Jürgen Weimer (1941-2014) hat die Musikhochschule Trossingen entscheidend geprägt.
Jürgen Weimer (1941-2014) hat die Musikhochschule Trossingen entscheidend geprägt. (Foto: Michael Hochheuser)
Schwäbische Zeitung
Frank Golischewski

Jürgen Weimer, langjähriger Rektor der Staatlichen Hochschule für Musik in Trossingen, ist im Alter von 73 Jahren verstorben. Sein Student und Freund Frank Golischewski würdigt den Mann, der wohl wie kaum ein Zweiter die Trossinger Musikhochschule geprägt hat:

Nein, ein durch und durch bequemer Mensch war er nicht. Professor Jürgen Weimer war streitbar. Bezog Position, vertrat klare Meinung. Schaute oft weiter voraus als seine Zeitgenossen. Er war ein Mann der klaren Kante, ein Verhandlungs-Fuchs, der mit herausragendem politischem Talent die Geschicke der Hochschule leitete und darüber fast seine künstlerischen Ambitionen als Komponist vergaß. Sein „Sonnengesang“ ist vielleicht noch in Erinnerung, oder „Der Name dieses Stern heißt Wermut“. Große Werke für Orchester und Gesang. Kein „Durchbruch“ in den Hochburgen für Neue Musik Donaueschingen oder Darmstadt. Dafür drei große Bauabschnitte in Trossingen: der zweite Neubau, der Konzertsaal, die „blaue Schachtel“. Neue Studiengänge wie „Alte Musik/Historische Aufführungspraxis“, zusammen mit Prof. Helga Kirwald so unumkehrbar aufs Gleis gesetzt, heute wichtiges Aushängeschild.

Und ein immer wieder erkämpftes starkes „Standing“ der Musikhochschule in der Region, wie man gerade in den letzten von so genannten „Strukturplänen“ der neuen Landesregierung bestimmten Monaten feststellen kann. Ich habe als studentischer Senatsvertreter Jürgen Weimer gelegentlich auf Sitzungen der Rektorenkonferenz und Treffen mit Ministern und Staatssekretären begleitet. Bei dem geistreichen Rhetoriker, dessen oft hoch philosophische Reden bis heute unvergessen sind, flogen da nicht selten die Fetzen. Obwohl – und das unterscheidet zur Rektorenkonferenz heute – am Ende doch immer die Gemeinschaft der Musikhochschulen gemeinsam gegen Sparpläne und Einschnitte der Landesregierung vorging.

Freundschaft mit dem Schultes

Meist mit von der Partie weil von ähnlichem Schlage: Bürgermeister Heinz Mecherlein. Den Lothar-Späth-Freund und pfiffigen Schultes verband schnell eine innige Freundschaft mit Jürgen Weimer: Die Geschicke der Stadt und der Hochschule waren eng verbunden. Die diebische Freude beider, durch allerlei taktische Züge dem Land einen Hochschul-Neubau nach dem andern abzuluchsen, ist sprichwörtlich.

„Dieser Ort ist ja nicht nur charmant“, sprach Jürgen Weimer einmal bei einem Interview der „Trossinger Filmtage“ Mitte der 80er ins Mikrophon. Mit Trossingen als Wohnort haben er und seine Frau Swaantje, Professorin für Gesang und mit ihrem Mann in einer seltenen künstlerisch-partnerschaftlichen Symbiose lebend, durchaus gefremdelt. Die kleine Bleibe hier wurde selten genutzt, viel lieber fuhr man abends zurück nach Bonndorf, wo das urige, behutsam renovierte Bauernhaus wartete – und Pferde, Hunde, Katzen. Familienersatz, Ausgleich, Heimat im immer härteren Alltag und Konkurrenzkampf der Hochschulen. Dennoch spürbar schwer fiel es Jürgen Weimer am Ende, das Rektorenamt los zu lassen.

Vom Vorgänger Prof. Eugen Frosch, der nach der Verstaatlichung 1973 den ersten Neubau durchgesetzt hatte, übernahm er das Amt 1980. Als frisch gebackene Studenten nahmen wir beim ersten AStA-Fest Jürgen Weimer in hellblauem, etwas ausgeleiertem Rollkragenpullover, gerade zum Rektor gewählt, eher als Student denn als Lehrer oder gar Leiter der Hochschule wahr.

Wir fanden mit unserem Anliegen vor allem in den ersten Jahren immer Gehör bei ihm, „Filmtage“ und Projekte mit Stummfilm-Musik ließ er uns im Hause durchführen obwohl sie damals (noch) nicht Lehrinhalt waren, vorausschauend richtete er 1987 erstmals ein Büro für Öffentlichkeitsarbeit an einer Musikhochschule ein (meine erste Anstellung im Hause), schuf mit Prof. Volker Scherließ die „August-Halm-Stiftung“ und so vieles, vieles mehr und arbeitete vor allem unermüdlich darauf hin, immer wieder namhafte Lehrer und gewichtige Professuren ins Haus zu holen.

In der Nacht zum Mittwoch nun ist Jürgen Weimer im Beisein seiner Frau Swaantje im Alter von 73 Jahren in seinem geliebten Haus in Bonndorf friedlich eingeschlafen. Trossingen und die Hochschule haben ihm viel zu verdanken.

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