„Neuzugezogenen die Regeln im Gastland erklären“

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Im Trossinger Rathaus ist das Thema Integration angekommen.
Im Trossinger Rathaus ist das Thema Integration angekommen. (Foto: Archiv: Schütz)
Schwäbische Zeitung
Redaktionsleiterin

Die Reaktionen auf den Vorstoß von CDU-Stadtrat Jürgen Vosseler zeigen: In Trossingen gärt der Frust. Über seine Aussagen, ein Ende des Wachstums der Stadt sei erreicht und ein weiterer Zuzug von Neubürgern aus Rumänien sei „nicht mehr sozial verträglich“, diskutieren Leser im persönlichen Gespräch aber auch in den sozialen Medien mit der Redaktion.

In den Gesprächen machen sich die Menschen Luft über fehlende Wohnungen, steigende Mieten, zu wenige Kindergartenplätze, volle Klassen, Sprachprobleme und Differenzen wegen falsch geparkter Autos. Doch seinen Namen will niemand in der Zeitung lesen. „Dann gilt man gleich als ausländerfeindlich. Aber das sind wir wirklich nicht. Wir wollen aber Probleme ansprechen, die einfach da sind und einer Lösung bedürfen“, versichert ein Leser.

Stadtverwaltung, Gemeinderatsfraktionen, Wohnbau und Baugenossenschaft haben nun zu diesen Themen Stellung genommen. Aktuell leben 1651 Rumänen in Trossingen, sie machen etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerung aus. „Zuzüge verzeichnen wir im Bürgerbüro nach wie vor, allerdings auch Wegzüge“, so Hauptamtsleiter Dieter Kohler. Dass es Herausforderungen gebe, das wolle er nicht bestreiten, betont aber auch: „Wir nehmen die Anliegen aus der Bevölkerung ernst.“ Klar sei, dass „wir nicht von einem auf den anderen Tag alle Probleme lösen können.“

Kontakt zu Freikirchen

Um die Integration der Rumänen voran zu treiben, setze die Stadtverwaltung besonders auf die neu geschaffene Integrationsstelle in Kombination mit den Schulsozialarbeitern. Und natürlich seien auch die rumänischen Freikirchen gefragt. „Über die Integrationsstelle wollen wir Kontakte dahin aufbauen“,so Kohler weiter.

Den Vorwurf, dass Trossingen bei der Vergabe von Kindergartenplätzen aufgrund der zugezogenen Großfamilien nicht mehr dem gesetzlichen Betreuungsanspruch gerecht werde, will Dieter Kohler so nicht stehen lassen. „Wir können jedem Kind mit dem dritten Lebensjahr einen Kindergartenplatz geben.“ Doch er räumt auch ein: „Wir haben Probleme, was die Wunschkindergärten angeht oder wenn Eltern einen Ganztagesplatz brauchen.“ Ihm sei es jedoch wichtig zu unterstreichen, dass „wir reagieren. Mit dem Kindergarten im Albblick schaffen wir neue Plätze“.

Auch zum Thema Parken hat Dieter Kohler etwas zu sagen: „Wir sind dran, dass die rumänischen Autos umgemeldet werden.“ Und natürlich, so Kohler, würde sich auch das Ordnungsamt um die Einhaltung der Parkregeln kümmern.

Dass es in Trossingen in manchen Segmenten tatsächlich einen Wohnungsmangel gibt, bestätigt Matthias Sacher, Geschäftsführer der Trossinger Wohnbau GmbH. „Der Markt nach großen Wohnungen ist leer.“ Neubauten auf Gölten und im Albblick sollen das Problem entschärfen, so Matthias Sacher.

Ähnlich sieht die Lage bei der Baugenossenschaft aus. „In Trossingen selber besitzen wir 169 Wohnungen. Im letzten Jahr gab es hier 14 Mieterwechsel. Bei dieser Anzahl sehen Sie, dass wir bei weitem die Nachfrage nicht decken können“, so Kurt Teufel, Geschäftsführer der Baugenossenschaft, im Gespräch mit der Trossinger Zeitung. Doch auch hier würden durch Neubauten die „Anstrengungen erheblich verstärkt, um den Wohnungsmarkt zu entspannen“.

Die Reaktionen auf die öffentliche Diskussion fällt innerhalb des Trossinger Gemeinderats unterschiedlich aus. Clemens Henn, Fraktionsvorsitzender der CDU, zu der Jürgen Vosseler gehört, sagt: „Zunächst möchte ich klarstellen, dass unser Kollege seine persönlichen Ansichten zu den Themen Integration der rumänischen Neubürger und zukünftige Entwicklung unserer Stadt, insbesondere im Bereich Wohnungsbau, geäußert hat.“ Im Gegensatz zu seinem Fraktionskollegen sehe er die Entwicklungen positiv: „Die rumänischen Mitbürger, die in Trossingen auf Dauer arbeiten und wohnen möchten, werden wir erfolgreich integrieren können. Dann sind die Neubürger tatsächlich eine Chance für die zukünftige Entwicklung unserer Stadt“, so Clemens Henn weiter.

Verhalten optimistisch zeigt sich auch Susanne Reinhardt-Klotz (OGL): „Es ist ja nicht so, dass wir völlig überfordert sind mit unserer Infrastruktur, auch wenn die steigenden Kinderzahlen hohe Anforderungen stellen, aber natürlich auch Chancen bieten. Wir können auch nicht glauben, dass wir sämtliche Vorzüge der modernen Gesellschaft genießen können, die anderen aber doch da bleiben sollen, wo sie herkommen.“ Dass die Neubürger die deutsche Sprache erlernen, davon zeigt sie sich überzeugt und bringt einen weiteren Vorschlag: „Dass Deutsche die rumänische Sprache lernen, wäre auch eine sehr lehrreiche Aufgabe.“

Ärger im Straßenverkehr

Dieter Görlich, der für die SPD im Gemeindrat sitzt, weiß um die Probleme, betont aber auch, dass „die Situation nicht expolosiv“ sei. Dass die Stadt tue, was möglich sei, das sehe er im Gemeinderat. Gut wäre es, so Görlich weiter, „wenn jemand den Neuzugezogenen die Regeln im Gastland erklärt“. Denn über wild geparkte Autos, doppelspurige Hochzeitscorsi auf der Bahnhofstraße und andere Begebenheiten mit Autos rumänischer Herkunft, ärgere er sich auch.

Die FDP teile nicht die Meinung von Jürgen Vosseler, so Willy Walter. „Das muss man differenzierter sehen. Die Diskussion muss sachlich geführt werden. Und natürlich muss man da, wo es brennt, Lösungen finden.“ Wie diese aussehen könnten, das wolle der Ortsverband gemeinsam diskutieren.

Zurückhaltend zeigen sich die Freien Wähler , die erklären, dass sie innerhalb der Fraktion „das komplexe Thema“ besprechen werden und eine „gemeinsamen Erklärung“ das Ergebnis sein werde.

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