Musikalische Begegnungen von Ost und West

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 Der Südwestdeutsche Kammerchor Tübingen gastierte in der Martin-Luther-Kirche.
Der Südwestdeutsche Kammerchor Tübingen gastierte in der Martin-Luther-Kirche. (Foto: Siegrid Bruch)
Siegrid Bruch

30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer hat der Südwestdeutsche Kammerchor Tübingen am Sonntagabend in der Martin-Luther-Kirche ein Konzert gestaltet, in dem sich in einem Chorkonzert Werke von Komponisten aus Ost und West begegneten: „Grenzenlos“. Es war eine Anklage gegen den Krieg und eine Bitte um Frieden – musikalisch auf hohem Niveau.

Moderne Chormusik erklang, sie wurde mit kurzen Rezitationen in Form von thematisch passenden Gedichten im Konzert „Grenzenlos“ ergänzt und von Claudia Salden und Tobias Woll vorgetragen. Werke von Hanns Eisler, Benjamin Britten, Alfred Schnittke, Arvo Pärt, Zoltan Kodaly, Randall Thompson und Francis Poulenc standen an diesem Abend mit dem Südwestdeutschen Kammerchor Tübingen unter der Leitung von Judith Mohr auf dem Programm.

„Gegen den Krieg“: Mit kurzen spöttisch-zynischen Epigrammen nach den Regeln der Zwölftonmusik wurde das Konzert mit dem Werk des bedeutendsten Komponisten der DDR, Hanns Eisler, eröffnet, Wut und Verzweiflung über das Leid des Zweiten Weltkriegs kam zum Ausdruck. „Advance Democracy“ des englischen Komponisten Benjamin Britten war ein flammender Appell für den Erhalt der Demokratie in Europa. Ein ruhiges, meditatives „Alleluia“ für vierstimmigen Chor des Amerikaners Randall Thomson folgte. Bei der Vertonung des Gedichts „Die Alten“ des ungarischen Komponisten Zoltan Kodaly wird die Last des Alters musikalisch überzeugend umgesetzt. Mit einem vertonten surrealistischen Gedicht von Paul Éluard, „Un soir de neige“ (Ein verschneiter Winterabend), bringt der französische Komponist Francis Poulenc mit düsterer Tonsprache die Verzweiflung im Kriegswinter zum Ausdruck.

Einen ungewöhnlichen Text aus dem Lukas-Evangelium hat Arvo Pärt vertont – die Auflistung der Vorfahren Jesu mit über 70 Namen – in „Which was the son of . . .“. Damit will der estnische Komponist den gemeinsamen Ursprung der Menschheit dokumentieren. Mit „Drei geistlichen Gesängen“ hat der deutsch-russische Komponist Alfred Schnittke drei bedeutende Bibeltexte in der Tradition russisch-orthodoxer Kirchenmusik vertont. Dicht aufeinander folgende Echo-Effekte in den Frauenstimmen symbolisierten die verzweifelten Rufe der Toten aus ihren Gräbern (nach einem Gedicht von Frederico Garcia Lorca) im Werk des philippinischen Komponisten John August Pamintuan in „De profundis“. Doch das beschwörende „De profundis“ aus Psalm 130 in den Männerstimmen lässt zum Abschluss noch Hoffnung aufkommen.

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