In Trossingen lebt Weimar wieder auf

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 Ulrike Neradt und Denis Wittberg gehen in Trossingen in einer musikalische Zeitreise zurück in die 1920er- und 1930er-Jahre.
Ulrike Neradt und Denis Wittberg gehen in Trossingen in einer musikalische Zeitreise zurück in die 1920er- und 1930er-Jahre. (Foto: Cornelia Addicks)
Schwäbische Zeitung
Cornelia Addicks

Musikalische Zeitreise: Am Freitagabend haben Denis Wittberg und seine Schellack-Solisten im Konzerthaus in Trossingen gastiert. Als besonderen Gast hatten sie die Diseuse Ulrike Neradt mitgebracht.

Einen aufrührerischen Gassenhauer setzte das Mainzer Ensemble an den Anfang: Denn hinter dem Titel „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“ steht nicht nur Frivoles, sondern ein Aufruf zur Rebellion. Was Gustav Gründgens im Jahr 1938 so mitreißend gesungen hatte, gefiel den rund 200 Zuhörern auch jetzt noch. In die Fußstapfen von Rudi Schuricke (1913 bis 1973) trat Wittberg, als er von „Blicken, Seufzen und Küssen“ schwärmte und mit dem überraschenden „Ende vom Lied“ Beifall einheimste. Der Tenor, 1964 in Wiesbaden geboren, formierte das bestens harmonierende Ensemble vor 14 Jahren aus dem Dunstkreis der Musikhochschule Mainz.

Ein perfekt gerolltes „R“

Fetzig erklang im Konzerthaus die rhythmische Erpressung „Ich geh‘ ins Wasser“, von Erich Bauschke, Sommerhit aus dem Jahr 1937, von der „Deutschen Grammophon“ in Rillen gepresst und postwendend von den Nationalsozialisten verboten. Originell umgesetzt auch „Mein Bruder macht im Tonfilm die Geräusche“ von Paul O’Montis: Perrrfekt gerrrolltes „R“ bei Wittberg und Spielwitz bei den vier Bläsern.

Sicher einer der Höhepunkte des zweieinhalbstündigen Programms war „Salome“, der „orientalische Foxtrott“ von Robert Stolz: „Deine Küsse sind süßer Tod“ schmalzte Wittberg in das stilechte Standmikrofon. Attacca folgte die Posse vom Schlangenbeschwörer mit dem Sopransax.

Während das Ensemble samt der attraktiven Violinistin sich „nur“ einmal umzog, zeigte Ulrike Neradt sich gleich in fünf Outfits: Im eleganten Schwarz sang sie das Benatzky-Chanson über Gottlieb Piefke und riet den Zuhörerinnen „Nehm se n’ Alten“ mit den Worten von Otto Reutter von vor 90 Jahren. Passend zum 1924er-Schlager „Lou Lila“ trug die 1951 geborene ehemalige deutsche Weinkönigin Lila. In Knallrot gab Neradt die spröde „Peruanerin“ aus der Rudolf-Nelson-Revue von 1918, temperamentvoll umworben von Wittberg. Eine schwarz-goldene Robe trug sie, als sie über „Frau Birnbaum“ lästerte – „huch, neinnn“ – und tanzte barfuß Charleston. In Goldlamee gewandet schwebte sie schließlich mit Wittberg über die Konzerthaus-Bühne.

Zwei Zugaben

Als Zugabe für den kräftigen Applaus pflanzten die Schellack-Solisten dem Publikum noch den „kleinen grünen Kaktus“ als Ohrwurm ins Gehör und versprachen, dass das „Abschiednehmen gar nicht schwer“ sei.

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