Hightech kommt aus der Vergangenheit

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Schwäbische Zeitung

Seit mehr als 17 Jahren arbeitet der Trossinger Musiklehrer Detlev Graul auf ein Ziel zu, das er in diesem Sommer noch erreichen will: die Fertigstellung seines Janko-Klaviers. Die Tastatur dieses Klaviers sieht ein wenig wie eine Computer-Tastatur aus, geht aber auf eine Erfindung aus dem Jahr 1882 zurück.

Von unserem Redakteur  Eric Zerm

In dem Sautter-Klavierbauer Peter Reinert aus Aldingen hat Graul vor zwei Jahren einen Verbündeten gefunden, der von der Idee, die Janko-Technik zu reaktivieren, ebenso fasziniert ist wie er. Darüber hinaus darf Reinert für das Janko-Projekt auf Ressourcen und Maschinen seines Spaichinger Arbeitgebers zurückgreifen.

Der Pianist und Mathematiker Paul von Janko entwickelte 1882 eine Tastatur, bei der man Graul zufolge für eine Tonfolge in allen Tonarten nur einen Griff lernen muss. Bei einer herkömmlichen Klaviertastatur muss man laut Graul zwölf unterschiedliche Bewegungsabläufe beherrschen.

Darüber hinaus lasse sich das Tastenfeld bei Janko viel bequemer spielen. „Beim normalen Klavier muss sich die Hand den Tasten anpassen, bei Janko hat sich die Tastatur der Hand angepasst.“ So hat jede Taste drei verschiedene Anschlagstellen, so dass der Pianist sie erreichen kann, wo es ihm gerade bequem ist, und das ganze Tastenfeld ist statt der üblichen 123 Zentimeter nur 89 Zentimeter breit.

Für den Klavierbauer und für die Mechanik ist das natürlich eine enorme Herausforderung. So hat Peter Reinert beispielsweise für die Tasten eine Technik verwendet, die es durch zwei Drehpunkte möglich macht, dass man jede Taste überall – oben oder unten – mit der gleichen Leichtigkeit spielen kann. Graul: „Manche der Teile sind wirklich in Einzelarbeit hergestellt.“

Darüber hinaus muss die Mechanik des Klaviers – wegen der enormen Möglichkeiten der Tastatur – sehr schnell sein. Um das Tastenfeld übersichtlicher zu machen, arbeitet Peter Reinert auch noch ein Farbsystem aus, so dass alle drei Anschlagpunkte einer Taste auf jeder Ebene der Tastatur deutlicher werden. Graul: „Die Tasten-Grundfarben Schwarz und Weiß bleiben, aber durch Plexiglas, das auf den Tasten angebracht ist, können wir – wenn wir möchten – die Tasten mit Farbplättchen markieren.“

Übungskabine auf Anhänger

Als nächstes möchte Graul, der zwischenzeitlich in Aixheim sein „Janko-Institut“ gegründet hat, noch eine kleine Übungskabine auf einem Anhänger konstruieren, in der er zum einen in aller Abgeschiedenheit üben kann und zweitens mobil ist, um das Klavier zu Aufführungsorten bringen zu können. Darüber hinaus soll die Kabine immer die gleiche Temperatur und Luftfeuchtigkeit garantieren, um das Janko-Klavier zu schonen.

Graul: „Ich habe mir vorgenommen, ein ganzes Jahr durchzuüben und werde mir die schwersten Stücke der Klavierliteratur vornehmen, damit ich die Möglichkeiten der Janko-Technik zeigen kann.“ So habe er sich beispielsweise in Zürich die Noten eines Klavierkonzerts von Walter Rehberg für die Janko-Tastatur gekauft. „Man kann versuchen, das auf einer normalen Tastatur sechshändig zu spielen, was auf einer Janko-Tastatur mit zwei Händen möglich ist.“

Wenn er sein Instrument wirklich beherrscht, möchte Graul auf Tournee gehen. „Ich gebe das Letzte, damit das klappt.“ Um die Janko-Technik wieder bekannt zu machen, könnte sich Detlev Graul auch einen Weltrekord-Versuch im Trossinger Kesselhaus vorstellen, „zum Beispiel eine Blues-Dauerimprovisation, so hätte ich die Chance, in der Konzertwelt Fuß zu fassen“.

Darüber hinaus möchte Graul die Möglichkeiten der Internet-Film-Plattform „Youtube“ nutzen und auch Vertreter der Trossinger Musikhochschule einladen, um das neue Instrument vorzustellen. Auf jeden Fall nähert sich Detlev Grauls Traum vom Janko-Klavier seiner Vollendung.

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