„Hier spielt die Amateurmusik“

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Die BDO mit ihrem Präsidenten Ernst Burgbacher (hinten, Zweiter von rechts) und Geschäftsführer Lorenz Overbeck (Vierter von li
Die BDO mit ihrem Präsidenten Ernst Burgbacher (hinten, Zweiter von rechts) und Geschäftsführer Lorenz Overbeck (Vierter von links) hat in Trossingen acht Mitarbeiter. Bürgermeister Clemens Maier (rechts) hat sich die neuen Räumlichkeiten im Hohner-Areal angesehen. (Foto: Frank Czilwa)
Schwäbische Zeitung
Frank Czilwa

Unscheinbar und nur wenigen Trossingern bekannt wirkt im Hohner-Areal eine Organisation, die bundesweit rund zwei Millionen Amateurmusiker vertritt und den Namen Trossingens nach ganz Deutschland hinausträgt: Die Bundesvereinigung Deutscher Orchesterverbände (BDO), die dieser Tage 60 Jahre alt geworden ist.

Am 13. Mai 1956 wurde die Bundesvereinigung im Trossinger Rathaus gegründet, damals noch unter dem Namen „Arbeitsgemeinschaft der Volksmusikverbände“. Erster Präsident war der Musik-Pädagoge Fritz Jöde. „Volksmusik“, so weiß Maila von Haussen, die die Öffentlichkeitsarbeit des BDO macht, hatte damals ein anderes Bedeutungsspektrum als heute: Es bezeichnete nicht eine bestimmte Stilrichtung, sondern die Musik, die im und vom „Volk“ (im Unterschied zu Profi-Musikern) gemacht wird, etwa in unzähligen Blaskapellen oder Mundharmonika-Orchestern.

Heute spricht man im BDO lieber von „Amateurmusik“. Bei der Gründung vor 60 Jahren, so BDO-Präsident Ernst Burgbacher, ehemaliger Bundestagsabgeordneter und Parlamentarischer Staatssekretär d.D., sei diese gegenüber der von Profis gemachten klassischen Musik noch mit „Naserümpfen“ betrachtet worden. Inzwischen habe man sich aber mühsam mehr gesellschaftliches Ansehen erarbeitet. – Auch wenn, wie Burgbacher aus Erfahrung weiß, die Amateurmusik im Feuilleton der großen Zeitungen oder in den überregionalen Medien nach wie vor noch wenig Beachtung findet.

In der BDO sind insgesamt elf Verbände organisiert, die deutschlandweit rund 35000 Ensembles und schätzungsweise zwei Millionen Menschen repräsentieren. „Wir sind stolz, dass wir die Palette erweitern konnten“, so Burgbacher, „und heute auch der Bundesverband Deutscher Liebhaberorchester oder der Evangelische Posaunendienst mit dabei sind“.

„Trossingen ist damit das Zentrum des instrumentalen Laienmusizierens in Deutschland“, betont der BDO-Präsident. „Damit wird der Name Trossingens in die gesamte Republik hinausgetragen“, ergänzt Bürgermeister Clemens Maier. Ganz bewusst ist der Gründungsort bis heute Sitz der Organisation geblieben, obwohl, so Burgbacher, gelegentlich gefragt werde, warum man nicht nach Berlin zöge. „Ich halte das für eine fatale Entwicklung, dass alle meinen, man müsste nach Berlin“, sagt Burgbacher „Wir sind im ländlichen Raum zu Hause, da spielt die Amateurmusik.“

Dieser Tage ist die BDO 60 Jahre alt geworden. Doch „in guter schwäbischer Manier wird nicht groß gefeiert“, sagt BDO-Präsident Ernst Burgbacher. Dennoch ist man stolz auf das Geleistete: „Wer mit so wenig Geld so viel bewirkt, wird auch in Zukunft keine Schwierigkeiten haben“, habe ihm neulich ein Abgeordneter gesagt. Gefördert wird die BDO vom Beauftragen der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Die BDO vertritt die Interessen der Amateurmusik in Politik und Gremien wie dem Deutschen Musikrat. Sie ist einer von 32 Projektpartnern von „Kultur macht stark. Bündnis für Bildung“, das bundesweit Vereine und Initiativen für bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche auf lokaler Ebene unterstützt. Seit 2006 verleiht die BDO die Hans-Lenz-Medaille an Menschen, die sich herausragend um das Amateurmusizieren verdient gemacht haben, wie Sir Simon Rattle oder der Trossinger Arnold Kutzli.

Im März 2016 fanden in Eberswalde in Brandenburg die „Tage der Chor- und Orchestermusik“ statt, die von der BDO im jährlichen Wechsel mit der Bundesvereinigung Deutscher Chorverbände organisiert wird. Und vom 9. bis 11. November 2018 wird die BDO in Trossingen erneut einen Wettbewerb der Auswahlorchester austragen, zu dem es bereits 1000 Anmeldungen gibt.

Gemeinsam mit der Trossinger Bundesakademie für musikalische Jugendbildung – deren Gründung ebenfalls maßgeblich auf die BDO zurückgeht – startet die BDO ein Projekt „Kompetenzzentrum Ehrenamt“, das Vereinsfunktionäre in rechtlichen, steuerlichen und organisatorischen Fragen unterstützen, beraten und weiterbilden soll. Ende des Jahres wird in Trossingen ein erstes Modell-Weiterbildungsseminar veranstaltet.

Im Bayerischen Staatsbad Bad Kissingen findet vom 16. bis 18. September unter dem Motto „länger jung mit Musik“ das zweite Deutsche Musiktreffen 60plus statt, diesmal auch mit den Chorverbänden. Projektleiter bei der BDO in Trossingen ist Hans-Walter Berg.

Und auch in Zukunft, so ist der Geschäftsführer der BDO, Lorenz Overbeck, überzeugt, werden Themen wie die demographische Entwicklung, die Integration und der Wandel der kulturellen Identität wichtige Aufgaben der BDO sein.

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