Hannah Tilt bricht Tabus

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Schwäbische Zeitung

Über die Gründung des Instituts für Musik&Bewegung berichten wir in einer der kommenden Ausgaben.

Animalisch, provokant, sozialkritisch: Studierende haben anlässlich der Gründung des Instituts für Musik&Bewegung am Sonntag Einblicke in ihre Arbeiten erlaubt.

Zwei Kompositionen von Carola Bauckholt, einem der Gründungsmitglieder, interpretierten die Masterstudentinnen Sujoo Lee und Hannah Tilt im Raum 305 des „blauen Baus“: Für das zehnminütige Werk „Treibstoff“ aus dem Jahr 1995 hatte die Koreanerin die große Bronzescheibe eines ostasiatischen Chau Gongs von ihrem Gestell befreit und nutzte sie als „Futternapf“ des von ihr dargestellten Tieres. Das bloße Gestell diente der Rhythmikerin als eine Art Requisite bei einigen ihrer artistischen Bewegungskomponenten. Für das Finale setzte Lee das Instrument wieder zusammen, schlug es jedoch nicht direkt an.

Das zahlreiche, zum Teil am Boden sitzende Publikum zu polarisieren wusste Hanna Tilt: Zu dem 2103 uraufgeführten „Laufwerk“, das Bauckholt im Auftrag des Osloer Ensembles Cikada komponiert hat, räkelte sich die Masterstudentin im kurzen weißen Nachthemd auf einer Decke. Die Leinwand zeigte einige von Tilts eigenen Fotografien. Nach einem unruhigen „Schlaf“ bastelte sich die junge Frau mit den kunstvoll aufgezwirbelten Haaren Ohrhänger aus Tampons. Für Schnappatmung bei einigen Zuschauern sorgte sie, als sie in ihrer Strumpfhose kramte und eine rotgefärbte Damenbinde hervorzerrte, sie genau begutachtete und dann wie achtlos auf den Boden fallen ließ. Während eine Besucherin das als „witzig“ empfand, fühlten sich andere von dieser krassen Szene überrumpelt. Schließlich hatten weder der Titel noch ein Hinweis im knappen Programmheft auf diese feministische Aktion zu einem der großen Tabus der Weiblichkeit vorbereitet.

Im Konzertsaal zeigte Carola Sommer dann anschließend ihre Bachelor-Abschlussarbeit unter dem Titel „eins, zwei, viele“. Sie brachte zusammen mit fünf anderen Rhythmikerinnen und zwei Sprecherinnen das Gedicht „Vivem em nós inúmeros” auf die Bühne. Das Werk des portigiesischen Lyrikers Fernando Pessa, 1935 unter dem Heteronym Ricardo Reis verfasst, wurde von Inés Koebel ins Deutsche übertragen. Ausgrenzung, gemeinsam ertragene Angst und vertrauensvolles Anlehnen wurden gekonnt umgesetzt. Bei der folgenden Inszenierung von Giselher Klebes Opus 68, „Sechs Stücke für Kontrabass solo” aus dem Jahr 1980, spielte Detmar Kurig den Bass und Keisuke Fujinami die Posaune. Fünf schwarze Holzstühle, auf die Bühne geworfen, dienten als „Tanzpartner“.

Für die Beleuchtung zeichnete Doris Schopf verantwortlich, ebenfalls Gründungsmitglied des neuen Instituts.

Über die Gründung des Instituts für Musik&Bewegung berichten wir in einer der kommenden Ausgaben.

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