„Gutenberg“-Musical macht wissenssatt und begeistert restlos

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 Gunter Emmerlich und Margit Spohnheimer auf der Bühne des Konzerthauses.
Gunter Emmerlich und Margit Spohnheimer auf der Bühne des Konzerthauses. (Foto: Frank Czilwa)
Frank Czilwa
Redakteur

Frank Golischewskis Mainzer Musical „Gutenberg“ ist auch in Trossingen bestens angekommen. Die Kombination aus Frank Golischewski und prominenter Top-Besetzung zieht offenbar: Das Konzerthaus war bis auf den letzten Platz ausverkauft – und das Publikum amüsierte sich prächtig.

El Papa macht sich Sorgen: Die Türken haben Byzanz erobert, die Araber stehen noch in Spanien und in Deutschland regiert die „Erzschlafmütze des Heiligen Römischen Reiches“. Da scheinen die Bibel aus Mainz, die Kardinal Piccolomini dem spanischen Borgia-Papst Kalixt III. vorlegt, oder die Spinnereien eines gewissen Kopernikus unbedeutend: „So lange ich lebe, dreht sich die Sonne um die Erde, um Rom – und um mich.“ Doch das Ensemble der Erfindungen des Gutenberg aus Mainz werden die Welt für immer verändern ...

Golischewski erzählt das Leben von Johannes Gensfleisch zur Laden von Sorgenloch, genannt Gutenberg, (um 1400 – 1468) nicht dröge chronologisch (dazu weiß man ohnehin zu wenig über ihn – das meiste stammt aus Gerichtsakten). Statt dessen fächert er die Themen „Gutenberg“, „Mainz“ und „Buchdruck und Medienrevolution“ in eine Revue von Einzelszenen auf, die zwischen den Zeitebenen springen und insbesondere die Riege der „Nebendarsteller“ Helmut Schlösser, Jasmin Reif, Dennis Johnson und Sebastian Zipp in immer neue Rollen und Kostüme schlüpfen lässt.

Offensichtlich hat Golischwestki eingehend recherchiert, Fakten, Daten, Zahlen rund um Johannes Gensfleisch und seine Familie, um die Renaissance, die Geschichte von Mainz seit den Kelten und den Einfluss des Buchdrucks von der Reformation bis zur Digitalisierung zusammengetragen und in sein Musical gepackt, was manchmal etwas didaktisch-faktenhuberisch daherkommt, meist aber überraschend amüsant verpackt ist.

Stars auf der Bühne

Opern- und Muscial-Urgestein Gunther Emmerlich verkörpert die Figur des Gutenberg dabei locker und selbstironisch, aber, wo gefragt, auch mit dem nötigen Pathos.

Margit Sponheimer spielt Margit Sponheimer – und hat damit die Sympathien des Publikums von vorne herein auf ihrer Seite. Ihr hat Golischewski auch die große Mainz-Hymne „Moguntia“ auf den Leib geschrieben: die Stadt als Inbegriff von Lebensfreude, der „das Wissen und der Durst“ gefällt. (Ohne die Weinpresse wäre die Druckerpresse niemals erfunden worden.) Das funktioniert natürlich auf der Bühne des Mainzer Unterhauses noch besser als im Trossinger Konzerthaus – aber hier funktioniert es dank Margit Sponheimers emotionalem Charisma auch.

Helmut Markworts Charakterkopf macht sich prächtig im Kostüm eines Renaissance-Patriziers, als sei er direkt einem Dürer-Porträt entsprungen. Er verkörpert den Kapitalgeber Johannes Fust, der Gutenberg am Ende ausbootet („Nur wer die Taler hat, kriegt alles, was er will“); und selbstverständlich wird dem ehemaligen „Fokus“-Herausgeber auch sein damaliger Werbespruch „Fakten, Fakten, Fakten – und immer an die Leser denken“ in den Mund gelegt. Und Trossingen zu erwähnen, schafft er auch.

Trägt Gutenberg Schuld?

Nicht nur Wissen und Bildung wurden durch den Buchdruck auf bis dahin undenkbare Weise verbreitet und damit Reformation, Aufklärung und Moderne ermöglicht. Man lügt auch „wie gedruckt“, und Gutenberg muss sich fragen: „Bin ich schuld?“ Schuld an gedruckten „Hetzschriften, Kriegsartikeln, Schund, Porno und Kochbücher von Johann Lafer“?

Golischewski selbst spielt den päpstlichen Gesandten (dessen Auftritte stets durch Fanfaren aus Spielzeugtrompeten angekündigt werden) Enea Silvio Piccolomini (den späteren Papst Pius II.), der das Geschehen ironisch und pfiffig kommentiert.

Spielfreudig und hellwach begleitet auch die Combo aus Christian Seisel, Karl Koch und Reinhold Uhl das Geschehen musikalisch. Am Schluss hat Golischewski nochmal eine weitere „Rahmenhandlung“ eingebaut, um das Ganze nach bewährter Komödien-Tradition auch noch mit einem glücklichen Paar enden zu lassen, so dass die Zuschauer dann rundum zufrieden und wissenssatt nach Hause gehen können - freilich nicht ohne vorher begeistert applaudiert zu haben.

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