Es fehlt nur noch das Winterquartier

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Jutta Müller mit ihren 21 Ziegen am Gauger. Dass sie hier ihre Tiere weiden lassen kann und gleichzeitig etwas Gutes für das Na
Jutta Müller mit ihren 21 Ziegen am Gauger. Dass sie hier ihre Tiere weiden lassen kann und gleichzeitig etwas Gutes für das Naherholungsgebiet tut, freut sie. (Foto: Sabine Felker)
Sabine Felker

„Das ist jetzt meine Herde und wir gucken, dass wir gemeinsam durchs Leben kommen.“ Manchmal gibt eine kleine Entscheidung dem eigenen Leben eine ganz andere Richtung. Jutta Müller hat das erlebt. Eigentlich könnte sie als Diplom-Übersetzerin im heimischen Büro im Warmen sitzen, doch seit diesem Sommer verbringt sie viel Zeit am Gauger bei ihren Ziegen. Die sind dort im Auftrag der Stadt für die Landschaftspflege im Einsatz. Doch mit dem nahenden Herbst wird die Suche nach einem Winterquartier immer drängender.

Ziegen sind auf den Wiesen rund um den Gauger nichts Besonders. Seit über 15 Jahren sorgen die Tiere dafür, dass die wild wachsenden Büsche nicht zu hoch werden. Doch die Herde von Jutta Müller unterscheidet sich deutlich von anderen. Weder ist die Neu-Trossingerin von Haus aus Landwirtin, noch züchtet oder verkauft sie ihre Tiere – geschlachtet wird auch keines. Vielmehr verbindet die Tiere und ihre Besitzerin eine Art Freundschaft, viel Bewunderung schwingt bei Müller mit, wenn sie über ihre Tiere spricht.

„Ich könnte über jedes Tier eine Geschichte erzählen“, sagt sie. Sei es über Lotta, die „von Geburt an irgendwie besonders war. Sie ist gehörlos, manchmal wackelig auf den Beinen und eckt bei den anderen Tieren immer wieder an“ oder über die Ziege mit nur einem halben Euter. „Sie hatte eine schwere Entzündung, sie war mehr tot als lebendig. Mit viel Aufwand habe ich sie wieder gesund gepflegt“, erinnert sich die Ziegenbesitzerin. Auch wenn sie sich schon lange für eine nachhaltige Lebensweise interessierte, so war ihr Weg hin zu den Ziegen nicht vorgezeichnet. „Ich habe technische Handbücher vom Englischen ins Deutsche übersetzt und mich in meiner Freizeit bei der Agenda 21 in Rottweil eingebracht, im Gemeinschaftsgarten-Projekt engagiert und im Reparaturcafé mitgemacht“, zählt sie auf. Irgendwann habe sie in diese idealistischen Aufgaben mehr Zeit investiert als für ihren Job. „Ich hatte Probleme damit, Texte für Produkte zu übersetzen, hinter denen ich nicht stehen kann“, sagt sie. Für einzelne Aufträge habe sie immer länger gebraucht, zu groß war der Widerwille.

Ein Aufenthalt in England brachte den Umschwung. Dort hatte sich Müller mit nachhaltiger, von Großkonzernen unabhängiger Versorgung beschäftigt. Zurück in Deutschland bewarb sie sich bei Bio-Höfen und landete beim Ziegenhof auf dem Hohenkarpfen. Die Arbeit mit den Tieren brachte ihr eine berufliche Befriedigung, wie sie sie schon lange nicht mehr erlebt hatte. „Doch auch wenn man theoretisch weiß, dass man Ziegen nur melken kann, wenn sie Junge haben, fiel es ihr im Alltag schwer zu akzeptieren, dass die jungen Zieglein zum Teil schon mit zwei Monaten geschlachtet werden.

„Die Arbeit erdet mich“

So kam es, dass sie fünf Zieglein vor dem Schlachter bewahrte: „Und plötzlich stand ich mit den Tieren da“, sagt sie lachend und weiß, dass so mancher Betrachter von außen ihr Vorgehen als blauäugig bezeichnen könnte. Doch sie versteht sich nicht als Tierretterin. Vielmehr haben die Tiere etwas für sie getan, nämlich ihr das eigene „Seelenheil“ zurück gebracht. „Die Arbeit mit den Tieren erdet mich“, sagt Müller.

An Arbeit mangelt es ihr nicht, schließlich leben mittlerweile 21 Tiere in der Herde. „Die Böcke sind alle kastriert“, betont Jutta Müller, die neuen Tiere alle dazugekauft. „Mit nur fünf Tieren hätte ich bei der Bewerbung um Flächen der Landschaftspflege keine Chance gehabt“, sagt sie. „Für die zweieinhalb Hektar hier am Gauger hätte ich ja zwei Jahre gebraucht“, sagt sie und lacht so entspannt, wie es nur jemand tun kann, der mit sich und seinen Entscheidungen im Reinen ist.

Und so verdienen sich die Tiere ihr Futter von Frühjahr bis Herbst damit, dass sie die Büsche am Gauger niedrig halten. Im Winter muss ihre Besitzerin für volle Futterraufen sorgen. Und weil das bei 21 Ziegen gar nicht mal so günstig ist, übersetzt sie wieder technische Handbücher. Jetzt aber wieder mit viel Motivation. Sie weiß ja, wofür.

Wenn sich jetzt noch ein Winterquartier für ihre Herde finden würde, dann wäre alles perfekt. „Ein Stall mit etwa 40 Quadratmetern, der mindestens an drei Seiten geschlossen ist und die Tiere vor Wind und Wetter schützt, das wäre toll“, sagt Jutta Müller. Im Notfall hat sie bereits einen Platz für die Herde, der ist aber weit weg von Trossingen.

Irgendwann möchte sie am liebsten auf einem kleinen Bauernhof mit ihren Tieren leben. Bis dahin aber genügt es ihr, sich im Sommer zu ihrer Herde zu setzen und die Tiere beim beim Wiederkäuen zu beobachten: „Das ist einfach herrlich entspannend.“

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