Eine Momentaufnahme der Migration

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 Unterschiedliche Erfahrungen mit dem Thema Migration haben die Diskussionsteilnehmer gemacht (von links): Zaki Altuama, Bengt K
Unterschiedliche Erfahrungen mit dem Thema Migration haben die Diskussionsteilnehmer gemacht (von links): Zaki Altuama, Bengt Krezer, Daniel Zuber, Anastasia Uhan, Ralf Sulzmann und Steffen Finsterle. (Foto: Addicks)

Die Trossinger Stadtbücherei ist dabei, sich als Gastgeber fundierter Gesprächsrunden einen Namen zu machen. Büchereileiter Ralf Sorg hatte am Freitag zum Tehma „Migration nach Trossingen – eine Momentaufnahme“ eingeladen.

Nachdem Sorg als Hausherr Angaben zum Stichpunkt „Migration“ aus dem Brockhaus zitiert hatte, wollten die Diskutanten erst mal von dem 25 Zuhörern wissen, ob auch sie nach Trossingen zugezogen seien. Nur drei meldeten sich als waschechte Trossinger, ebenfalls drei als „nicht in Deutschland Geborene“.

Daniel Zuber, Historiker und Autor, gab einen kurzen Abriss der sechs Zuzugswellen nach Trossingen: Nach den Vertrieben aus den Ostgebieten des ehemaligen deutschen Reiches, denen nach dem Zweiten Weltkrieg die Stadt als neue Bleibe zugewiesen worden waren, kamen Gastarbeiter aus Südeuropa, von denen viele hierblieben. Zahlenmäßig überschaubar war die Gruppe der Boat-People aus Asien, die nach Trossingen kamen. Bedeutend größer ist die Zahl der Deutschstämmigen, die in den 80er-Jahren aus der Sowjetunion und den Folgestatten zuzogen. Als freizügige EU-Bürger siedelten sich ab Anfang 2007 viele Rumänen in Trossingen an. In der bisher letzten Phase kamen seit 2015 Flüchtlinge aus Krisengebieten an, die vom Landratsamt nach Trossingen geschickt worden waren.

„70 Jahre ununterbrochene Zuwanderung in diesem kleinen deutschen Städtchen“ resümierte Zuber und bat die Teilnehmer der Gesprächsrunde, sich vorzustellen.

Ralf Sulzmann, seit Herbst 2018 Hauptamtsleiter im Trossinger Rathaus, und Bengt Krezer, Sachgebietsleiter für Integration und Netzwerkarbeit im Landratsamt Tuttlingen, haben tagtäglich mit Migranten zu tun. Auch der Rektor der Löhrschule, Steffen Finsterle, ist direkt mit der Thematik befasst. „Ohne Migration gäbe es uns gar nicht mehr“, sagte er und wies darauf hin, dass die Werkrealschule vor einem Jahrzehnt kurz vor der Schließung stand. Jetzt füllen 250 Schüler aus 18 Nationen „durchgängig zweizügig“ die Klassenräume. Besonders Sprachbarrieren würden die Arbeit erschweren. „Nicht so sehr mit den Schülern als mit deren Eltern“, sagte Finsterle.

In der Heimat Fluglotse, jetzt Lagerist: So stellte sich der 39-jährige Syrer Zaki Altuama vor. Seit seiner Ankunft in Deutschland vor fünf Jahren hat er sehr gut Deutsch gelernt, vor drei Jahren konnte auch seine Familie hierher ausreisen. Altuama berichtete von der Bürokratie, die er in Deutschland erlebt. Die sei einerseits enorm, andererseits aber doch wirksam. Auch von seinen Problemen bei der Wohnungssuche und von den schulischen Erlebnissen seiner beiden Kinder erzählte der Syrer.

Fünf Jahre lang hatte Anastasia Uhan auf die Erlaubnis gewartet, um aus Kasachstan ausreisen zu dürfen. Über Bayern und Seitingen-Oberflacht kam sie mit Mann und Sohn nach Trossingen. „Zufällig, weil wir hier eine Wohnung fanden“. Auch sie sprich gut Deutsch und betonte, wie wichtig der Kontakt im Sportverein für die Integration gewesen sei.

Relativ viel Zeit verbrachte die Diskussionsrunde mit der Frage, ob in der Familie Deutsch oder die Sprache des Herkunftslands gesprochen werden solle. Dass es in Trossingen „schon grummelt“ anlässlich der hohen Zuzugszahlen, warf Stadtrat Jürgen Vosseler (CDU) in die Runde. Er sprach von Parallelgesellschaften in der Stadt und wies auf die überraschend hohe Zahl der Stimmen hin, die bei der letzten Gemeinderatswahl für die AfD abgegeben wurden. Nach über zwei Stunden beendete Ralf Sorg die Diskussionsrunde und lud zu weiteren Gesprächen an Stehtische ein.

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