Eine Geschichte von zwei Musikstädten

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Museumsleiter Martin Häffner präsentiert einige in jüngster Zeit erworbene Stücke aus Klingenthal.
Museumsleiter Martin Häffner präsentiert einige in jüngster Zeit erworbene Stücke aus Klingenthal. (Foto: Frank Czilwa)
Frank Czilwa
Redakteur

Wenn das Deutsche Harmonikamuseum am Kilbe-Sonntag, 23. September, sein großes Museumsfest feiert (wir haben berichtet), dann werden als Ehrengäste der Bürgermeister der sächsischen Stadt Klingenthal, Thomas Hennig, und seine Gattin Nadine zu Gast sein. Denn Trossingen und Klingenthal gelten als die beiden „Weltzentren“ der Harmonikaindustrie, und wenn Klingenthal 2019 sein Jubiläum „100 Jahre Stadt“ feiert, dann wird das Deutsche Harmonikamuseum dies mit einer Sonderausstellung würdigen.

„Ohne Klingenthal könnten wir uns nicht Deutsches Harmonikamuseum nennen“, betont Museumsleiter Martin Häffner. Denn nicht nur in Schwaben wurden und werden Harmonikainstrumente hergestellt – in Trossingen und Knittlingen –, sondern auch in Thüringen und Sachsen – hier vor allem in und um Klingenthal.

Im kommenden Jahr wird es 100 Jahre her sein, dass Anno 1919 mehrere Dörfer im sächsischen „Musikwinkel“ zur Stadt Klingenthal zusammengefasst wurden. Das wollten die Trossinger Harmonikafabrikanten, die noch in einem Dorf produzierten, nicht auf sich sitzen lassen: Obwohl Trossingen kaum 6000 Einwohner hatte, setzten sie durch, dass auch ihr Ort 1927 ebenfalls zur Stadt erhoben wurde, und darin dem sächsischen Konkurrenten gleichzog.

Das Jubiläum „100 Jahre Klingenthal“ will das Deutsche Harmonikamuseum zum Anlass nehmen, um in der zweiten Jahreshälfte 2019 das Wechselverhältnis der beiden „Weltzentren der Harmonikaindustrie“ in einer Sonderausstellung darzustellen.

Als Mitte der 1920er Jahre in Deutschland rund 50 Millionen Mundharmonikas pro Jahr hergestellt wurden, da kam rund die Hälfte aus Trossingen, die andere Hälfte aus Klingenthal, so Martin Häffner. Während in Trossingen aber zunächst „die großen Drei“ vorherrschten – Koch, Weiss und Hohner, wobei die beiden ersteren 1928/29 von Hohner übernommen wurden – war Klingenthal eher von vielen kleinen Firmen geprägt. Von rund 250 Harmonikaherstellern, die bekannt sind, kamen über 75 Prozent aus Klingenthal und Umgebung, schätzt Martin Häffner.

Der Vater des Trossinger Mundharmonika-Meisters Helmuth Herold, Curt Herold, stammt übrigens aus Klingenthal. „Herold ist ein typisch Klingenthaler Name“, so Häffner.

Der Matthias Hohner von Klingenthal

Auch sonst waren die Beziehungen der beiden „Zentren“ eng. Ein Trossinger Instrumentenmacher, der den klangvollen Namen Matthias Hohner trug, war etwa nach Klingenthal ausgewandert, was der dortige Produzent Schlott ausnutzte, indem er zusammen mit dem schwäbischen Einwanderer Harmonikas unter dem Markennahmen „M. Hohner“ herstellte – bis die Trossinger Hohner ihm dies gerichtlich verboten und die Marke in „Schlott-Hohner“ umbenannt wurde.

Auch sonst waren die beiden Zentren in enger Konkurrenz verbunden. Die Hohners studierten nicht nur die Produktkataloge der Sachsen, sondern hatten auch die Klingenthaler Tageszeitungen abonniert. Auch hatten sie dort einen „Spion“ , der ihnen das Neueste aus Sachsen hinterbrachte.

Neben der Instrumentenherstellung hat Klingenthal heute als zweites Standbein den Tourismus und den Wintersport (vor allem Skispringen). Auch der Wiederaufschwung der Klingenthaler Harmonikaindustrie ist zum Teil Einwanderern aus Schwaben zu verdanken: Als die Firma Seydel fast pleite war, haben die Jungunternehmer, die auch die Durchhausener Firma Interflex gegründet haben, die traditionelle Harmonikafabrik wieder flott gemacht.

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