Ein Fagott, das zu lachen scheint

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 Rie Koyama war der gefeierte Star des Abends. Die 28-Jährige ist in Trossingen aufgewachsen und macht mittlerweile eine atember
Rie Koyama war der gefeierte Star des Abends. Die 28-Jährige ist in Trossingen aufgewachsen und macht mittlerweile eine atemberaubende Karriere. (Foto: Addicks)

Geistreiche Musik, perfekt präsentiert: Beim Gastspiel des Bayerischen Kammerorchesters (BKO) unter der Leitung von Sebastian Tewinkel sind am Samstagabend im Konzerthaus Trossingen Werke aus der Zeit zwischen 1772 und 1939 erklungen. Umjubelter Star des Abends war die Fagottistin Rie Koyama.

Gleich drei Divertimenti standen auf dem Programm, das Vergnügen sowohl der Zuhörer als auch der Musiker war also vorprogrammiert. Traumhaft schön war die dreisätzige Komposition in F-Dur, die das damals erst 16-jährige Genie Amadeus Mozart zwischen seinen Italienreisen 1772 zu Papier brachte. Die beiden Ecksätze umrahmen ein bittersüßes Andante. Dirigent Tewinkel malte die Musik mit den Händen, hier mit einer leichten Drehung im Handgelenk, dort mit einem sanften Streicheln der Luft.

Gleich bei drei der fünf Werke im Programm war Rie Koyama zu erleben. Die 28-Jährige ist in Trossingen aufgewachsen. Derzeit ist sie Solofagottistin bei der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen. Beim Divertissement von Jean Françaix wurde Koyama im besinnlichen Lento zart von den Streichern aus Bad Brückenau begleitet; im finalen Allegro glaubte man, das Instrument vergnügt lachen zu hören.

Die Solistin wiegte ihr Instrument aus dem traditionsreichen Wiesbadener Haus Heckel beim „Andante e Rondo ungarese“. Carl Maria von Weber hatte das ursprünglich für Solobratsche konzipierte Werk 1813 „gänzlich umgeschmolzen“, um einen Kompositionsauftrag zu erfüllen. Auf Koyamas virtuosen Vortrag in allen vier Sätzen folgen Bravo-Rufe und minutenlanger Applaus. „Unglaublich!“ und „wunderbar“ lauteten einige der Kommentare, die in der Pause zu hören waren. Ebenfalls für das Fagott umgeschrieben wurde die „Fantaisie variée“ über den Karneval von Venedig, das Opus 14 des aus Avignon stammenden Paul-Agricole Génin. Er hatte das Werk 1857 für „sein” Instrument, die Flöte, geschrieben.

Rie Koyama lotete hierbei die tonale Bandbreite ihres Instruments aus; für Amüsement sorgte die Anspielung auf das Volkslied zum Dreispitz: „Mein Hut, der hat drei Ecken …“.

Zwischen all den vergnüglichen Musikstücken blitzte auch mal Beängstigendes auf: Béla Bartók schien 1939 das kommende Unheil zu ahnen, wie der zweite Satz seines somit nicht ganz zu Recht benannten „Divertimento“ zeigt. Die Streicher BKO ließen im „Molto adagio“ die Töne ersterben, setzten dann wieder grelle Blitze und düstere Synkopen. Humorvoll, wenn auch mit einer gehörigen Prise Spott durchzogen, der dritte Satz. Konzertmeister Youngkun Kwak, 1985 in Hamburg geboren, ließ hier hingebungsvoll seine Geige schluchzen, ganz wie Bartók es in dieser Persiflage pseudo-ungarischer Kitsch-Musik geplant hatte. Seine Kollegen antworteten mit einer Art „Hummelflug“.

Als i-Tüpfelchen auf einem exquisiten Konzert erklang die „Pizzicato-Polka“ der Brüder Josef und Johann Strauss. Die Streicher legten für diese Zugabe von anno 1869 ihre Bogen beiseite, Dirigent Tewinkel akzentuierte mit „pling“ auf Wasserglas und Löffel. Erneut gab es begeisterten Beifall des Publikums.

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