Deutschlands bester Jazz-Nachwuchs

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 Max Löbner (links) und Julian Drach stammen beide aus Trossingen.
Max Löbner (links) und Julian Drach stammen beide aus Trossingen. (Foto: Fotos: icks)

Eine Woche hat das Bundesjazzorchester (BuJazzO) in der Bundesakademie Trossingen geprobt. Das hörenswerte Ergebnis war nun am Freitagabend zu hören. Auf dem stilübergreifenden Programm standen Kompositionen und Arrangements des neuen Leiters, Ansgar Striepens.

Beethoven, Bach und Händel im Big Band-Modus? Unbedingt, wenn das Arrangement stimmt. Der kräftige Beifall im gut besuchten Ovalen Saal zeigte, dass dies der Fall war. Striepens hatte sich für das Beethoven-Jahr eines der „Werke ohne Opuszahl“ vorgenommen, das Klavierstück „Lustig und traurig“. Beim BuJazzO wurde daraus ein wildes Geburtstagsständchen mit strahlenden Bläsern, energischem Bassspiel und – für die melancholische Seite – leisem Pianobeitrag.

Aus der 1727 uraufgeführten Matthäuskomposition hatte Striepens das Rezitativ „Ach Golgatha, unselges Golgatha!“ für das BuJazzO und dessen Gesangsquintett aufbereitet. Beeindruckend. Jubel ertönte nach der Big Band-Version von Händels Air „Loathsome Urns, Disclore Your Treasure“ aus einem Oratorium von anno 1757, mit anderen der insgesamt sechs Sängerinnen und vier Sänger und Max Treutners hervorragendem Saxofonsolo.

Aus Striepens WDR-Kooperation über „Unsung Heroes“ erklang das traurige Volkslied über den Bergmann, der die Mahnung seiner Tochter in den Wind geschlagen hatte: „Das Mädchen trat ans Fenster, fing bitterlich zu weinen an“. Aufgepeppt mit flüssigem Scat-Gesang, schön bis zum rührenden Ende. Als Solistin überzeugte die 23-jährige Sopranistin Alma Naidu bei Paul McCartneys bekanntem „Blackbird“. In München aufgewachsen, studiert sie derzeit in London. Auch bei Paul Simons „One-trick Pony“ klappte die Zusammenarbeit zwischen Musikern und Sängern bestens. Für sein kesses Gitarrensolo erhielt der 20-jährige Trossinger Max Löbner, derzeit Student in Weimar, kräftigen Zwischenapplaus.

Rein instrumental erklang die Big Band-Adaption von „Daahoud“, dem Clifford Brown-Standard aus den frühen Siebzigern. Charlotte Lang, eine von nur zwei Bläserinnen beim BuJazzO, trieb ihr Baritonsaxofon dabei gekonnt in abgrundtiefe Tonlagen.

„Wait!“ hatte Striepens eine seiner Kompositionen überschrieben. Bei einer anderen, dem romantischen „Dreams & Realities“, war auch wieder ein Vokalquintett involviert. Der Nachfolger von Jiggs Whigham, 1965 in Werne/NRW geboren, dirigiert mit knappen aber präzisen Handbewegungen, ohne weitausholende Gesten. Eine Suite hat er dem Architekturzeichner Helmut Jacoby (1926-2005) gewidmet. In deren zweitem Teil, betitelt „767 Greenwich Street“, spielte Julian Drach ein samtiges, ausdrucksstarkes Solo am Altsaxofon. Brillant bis zum überraschend hellen Schlusston. Der 22-jährige Trossinger war Jungstudent bei Matthias Anton und studiert jetzt an der Stuttgarter Musikhochschule.

Die lautstark geforderte Zugabe war „Isegrim schwört Rache“ aus Striepens „Reineke Fuchs“: Moritz Renner entlockte seiner Posaune mit Hilfe eines Straight Dämpfers und eines Plungers die unglaublichsten Töne. Jubel folgte.

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