Der Wandel öffentlicher Bekanntmachungen vom Amtsboten bis zur Stadt-App

Jakob Irions Schelle hat auch Wolfgang Schoch schon geläutet - hier zum Start der Einwohnerversammlung 2019.
Jakob Irions Schelle hat auch Wolfgang Schoch schon geläutet - hier zum Start der Einwohnerversammlung 2019. (Foto: Ralf Pfründer)
Wolfgang Schoch

Demnächst wird die Stadtverwaltung ihre Einwohner mit der Stadt-App noch umfassender und zeitnaher informieren können als bisher. Den Weg dazu hat der Gemeinderat in seiner letzten Sitzung beschlossen. Vor wenigen Jahrzehnten sah dies noch ganz anders aus.

So erklang in Schura bis zum Juni 1970 an zwölf festgelegten Stationen und jeweils zu denselben Uhrzeiten die unüberhörbare Schelle des Amtsdieners Jakob Irion. Schon seit dem 19. Jahrhundert oblag es dem Amtsdiener von Schura, die amtlichen Nachrichten des Bürgermeisters und der Obrigkeit „auszuschellen“ und „auszurufen“. Die Form der öffentlichen Bekanntgabe war dabei von „oben“ strengstens vorgegeben und wurde auch genauestens dokumentiert, wann sie ausgeschellt und ausgerufen worden ist.

Parallel zum Ausrufen durch den Polizei- und Amtsdiener richtete die Gemeinde ab den 30er-Jahren auch eine Anschlagstafel am Rathaus ein, wo jeder die amtlichen Mitteilungen nochmals nachlesen konnte. Im Mai 1945 zertrümmerten französische Soldaten bei ihrem Einmarsch nach Schura den am Rathaus befestigten Schaukasten mit den amtlichen Nachrichten, um so jeglichen Informationsfluss in der Bevölkerung zu unterbinden. Die Hälfte des Schaukastens konnte jedoch noch benutzt werden, vor allem für die Anordnungen der französischen Besatzungsmacht selbst.

Erst 1956 entschloss sich der Gemeinderat, die bis dahin immer noch halbseitig vorhandene Anschlagstafel durch eine neue ersetzen zu lassen und gab einem Schreiner den dazu notwendigen Auftrag.

Sechs Jahre später, im Jahr 1962, befand sich das Land im wirtschaftlichen Aufschwung und der Straßenverkehr nahm deutlich zu, was auch Auswirkungen auf das bis dahin noch übliche Ausschellen der amtlichen Mittteilungen hatte. Wie aus dem Protokollbuch des Gemeinderates von damals zu entnehmen ist, vermochte es der Amtsdiener trotz redlicher Bemühungen nicht, mit seiner Stimme gegen den Verkehrslärm anzukommen und zu den Bewohnern durchzudringen. Im Protokoll des Gemeinderates liest sich dies wie folgt: „Der Amtsdiener muss sich beim Ausrufen mächtig anstrengen und die Einwohner verstehen die Bekanntmachungen durch die ständig vorbeifahrenden Kraftfahrzeuge nicht“. Der Gemeinderat diskutierte daraufhin, ob es nicht besser wäre, anstelle des Ausschellens und Ausrufens ein Mitteilungsblatt einzuführen, so wie dies in anderen Gemeinden schon üblich sei. Aber soweit auf einmal wollte der Schuraer Gemeinderat dann doch nicht gehen. Er entschied sich, an den zwölf Stationen, an denen der Amtsdiener sich zuvor zum Ausschellen aufgestellt hatte, jeweils eine kleine Anschlagstafel aufzustellen, in der in schriftlicher Form die Mitteilungen angeheftet werden sollten. Der Amtsdiener soll aber weiterhin die aktuellen Mitteilungen im Kasten durch Ausschellen ankündigen.

Damit die Kosten für die Anschlagstafeln nicht zu hoch ausfielen, kaufte der Bürgermeister zwölf Fahrplankästen, wie sie von der Deutschen Bundespost im Busverkehr eingesetzt worden waren. Dies funktionierte bis zum Juni 1970. Weil viele Bürger die amtlichen Mitteilungen nur noch selten zur Kenntnis nahmen, sah sich der Gemeinderat erneut gezwungen, neue Wege zu überlegen, um die in der Zwischenzeit weiter gewachsene Einwohnerschaft weiterhin aktuell zu informieren. So beschloss der Gemeinderat dem Trend der anderen Ortschaften zu folgen und zukünftig ein Mitteilungsblatt herauszugeben. Mit der Verteilung der ersten Ausgabe des neuen Mitteilungsblattes sollte dann auch das Ausschellen durch den Amtsdiener eingestellt werden, der ohnehin das 70. Lebensjahr bereits überschritten hatte. Der Bürgermeister wurde ermächtigt, mit dem damaligen Primo-Verlag in Rottweil den Vertrag abzuschließen. Die erste Ausgabe erfolgte im Juli 1970.

Für den langjährigen Amtsdiener Irion fiel damit eine seiner Aufgaben weg. Dennoch wurden alle amtliche Mitteilungen weiterhin, wie zuvor, im Aushängekasten am Rathaus für Jedermann ausgehängt. 1971 folgte dann die Eingemeindung in die Stadt Trossingen. Zu der Zeit wurden die amtlichen Bekanntmachungen der Stadt Trossingen über die Trossinger Zeitung und den Schwarzwälder Boten, der damals noch eine Redaktion in Trossingen hatte, veröffentlicht.

1996, eineinhalb Jahre nach dem Antritt von Bürgermeister Lothar Wölfle, sollte dann die letzte Änderung folgen. Ihm waren die Kosten für die amtlichen Mitteilungen in beiden Zeitungen einfach zu hoch, weshalb er dem Gemeinderat empfahl, ein amtliches Mitteilungsblatt einzuführen. Nach heftigen Diskussionen erhielt er schließlich im Gemeinderat die erforderliche Mehrheit zur Einführung eines Trossinger Mitteilungsblattes. Mit Jahresbeginn 1996 erschien die erste Ausgabe des neuen Mitteilungsblattes an dessen Layout sich über all die Jahre nur wenig verändert hat. Richtig angenommen worden ist es von der Einwohnerschaft jedoch nicht, denn die Auflagengröße ist mit rund 15 Prozent aller Haushalte über all die Jahre überschaubar geblieben. Und die Befürchtungen von damals, das „Amtsblatt“ könnte sich zu einer billigeren Konkurrenz zur Tageszeitung etablieren, hat sich nicht bewahrheitet.

Auf der übergeordneten Ebene passte sich die Entwicklung des Staatsanzeigers als Mitteilungsblatt für die Bürgermeisterämter den jeweils herrschenden politischen Systemen an. Durch Verfügung des königlichen Ministeriums des Inneren von 1834 war im Königreich Württemberg jede Gemeinde verpflichtet, das Staats-Intelligenz-Blatt zu beziehen. Dies änderte sich erst rund 100 Jahre später im Jahr 1934. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde der Staatsanzeiger, wie das Blatt später hieß, eingestellt. Erst 1952 bezog die Gemeinde Schura wieder den nach dem Kriege neuaufgelegten Staatsanzeiger für Württemberg-Hohenzollern, einem kurzen Vorläufer des zukünftigen Süd-West-Staates.

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