„Der Mensch ist nicht zu einer Vollbremsung geschaffen“

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 Bei der Rast am Kreuz wurden Gedanken gesammelt.
Bei der Rast am Kreuz wurden Gedanken gesammelt. (Foto: Julia Wetzel)
Julia Wetzel

Die Natur erleben und dabei mit Gott ins Gespräch zu kommen - das ist die Idee des „Spaziergangs mit Tiefgang“, den die evangelische Kirchengemeinde am Freitagabend gestaltet hat.

Noch am Nachmittag hatte es heftig geregnet und deshalb war einige Zeit nicht sicher, ob das Angebot stattfinden konnte. Doch das Wetter besserte sich, je näher die Veranstaltung rückte und die zwölf Teilnehmer konnten zwei einzigartige Stunden in der Natur erleben.

Im Kirchgarten der Martin-Luther-Kirche versammelten sich die Teilnehmer mit dem nötigen Sicherheitsabstand in einem Kreis um den Taufstein, wo Vikarin Britta Mann und Heike Kohler alle begrüßten. Zu diesem Zeitpunkt, am Beginn des Wochenendes, bringe jeder andere Gedanken und Gefühle aus den vergangenen Tagen mit, sei es Stress mit der Arbeit oder Streit in der Beziehung. „Der Mensch ist nicht zu einer Vollbremsung geschaffen“, sagte Heike Kohler, es brauche Zeit, um in die Stille hineinzufinden und lädt die Teilnehmer aus diesem Grund dazu ein, in sich hineinzuspüren, herauszufinden, was einen gerade bewegt und diese Gedanken auch zuzulassen, denn das münde ebenfalls in Gottes Liebe.

Der gedankliche Impuls steht in einem Text aus dem Johannes-Evangelium und handelt vom Aufbrechen und Losgehen, von Krankheit und Heilung und kann daher auch gut auf die aktuelle Situation bezogen werden, aus der diese etwas andere Form des Gottesdienstes erst entstanden ist: Der Umstand, dass Gottesdienste zunächst komplett verboten waren und nun eingeschränkt mit wenigen Besuchern und ohne Gemeindegesang möglich sind, brachte Britta Mann und Heike Kohler auf die Idee, den gemeinsamen Spaziergang zu organisieren. Die Natur biete einen optimalen Rahmen, weil sich in ihr der Schöpfer befinde.

Mit dem Text-Impuls im Gedächtnis, den Vikarin Britta Mann vortrug, brachen die Teilnehmer auf und spazierten durch die Straßen Trossingens, bis grüne Bäume und Wiesen auftauchten. Der Weg, den die beiden Organisatorinnen sich ausgesucht hatten, war größtenteils sehr schmal. In einer Reihe liefen die Teilnehmer hintereinander - doch nur den Rücken des Vordermanns zu sehen, schien wie dafür gemacht, seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Im gemeinsamen Schweigen wurden die Geräusche des Waldes besser hörbar, erreichten das Bewusstsein und der vorangegangene Regen schien alle Gerüche, Düfte und Farben noch intensiviert zu haben, wie eine Teilnehmerin am Ende bemerkt.

Auf und ab führte der Weg, über weichen Waldboden und an Bänken vorbei, bis alle sich auf einem geteerten Weg in der Nähe eines Kreuzes wiederfanden, an dem Rast gemacht und mit Stift und Papier Gedanken gesammelt wurden. Als Inspiration für den letzten Abschnitt der Strecke, der evenfalls schweigend absolviert werden sollte, bekam jeder und jede einen kleinen Zettel, auf dem jeweils ein Fragment des bekannten Textes aus dem Evangelium des Johannes notiert war.

Erfüllt und inspiriert teilten die Teilnehmer anschließend ihre Eindrücke miteinander: „Es gab eine innere Ruhe“ in ihr, berichtet eine Frau und eine andere stimmte ihr zu, denn der Spaziergang sei „ein Aufatmen“ gewesen. Anhand eines gefundenen Schneckenhäuschens bezog sich Heike Kohler nochmals auf den anfänglichen Text und wünschte den Teilnehmern, sich nicht in „Schneckenhäusern der Angst“ zu verlieren. Alle befürworteten die besondere Aktion: „Gerne wieder“, lautete die einhellige Meinung der Spaziergänger.

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