Aus dem Museum wird Downtown Chicago

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Elke Reinauer

Auf der Welle des Blues konnten Musikbegeisterte sich am Samstagabend durch die Trossinger Bars treiben lassen. In sechs Locations traten verschiedene Bands und Künstler auf. Immer wieder zu hören: die traurig, wehmütigen Klänge einer Mundharmonika. Doch auch Rockiges und Jazziges gab es zu hören.

Er wimmerte und flüsterte, er beschwor und schrie, dazwischen erzählte er Witze: Matt Woosey sang seine Bluessongs mit einer Stimme, die das Publikum im „Goschehobel“ sofort in den Bann zog. Er sorgte dafür, dass sich die Bar in kürzester Zeit füllte und sich die Zuschauer draußen an der Scheibe die Nasen platt drückten.

Der Brite, der in Freiburg lebt, brauchte nur ein Mikro, einen Stuhl, seine Gitarre, und seine Stimme, die klang als hätte er seit Jahren nichts anderes gefrühstückt als Whiskey und Zigaretten. Handgemachter Blues, selbstgeschriebene Lieder von durchzechten Nächten, von Gott, von der Liebe zu seinem Sohn. Wer dem Blues bis in den „Goschehobel“ gefolgt war, hatte schon einiges hinter sich an diesem Abend.

Begonnen hatte die Lange Blues Nacht im „Linde“-Saal. Dort eröffnete Bürgermeister Clemens Maier die Veranstaltung. Trossingen habe den Blues, aber auf eine fröhliche Art, meinte er. Zunächst kam der Blues allerdings rockig daher, mit Perry, Gail & Koch und „Sunshine Of Your Love“ von Cream. Das Trio hatte jede Menge Sound und Instrumente im Gepäck, allein der Gitarrist wechselte immer wieder seine Gitarren, die sich auf der Bühne aneinander reihten. Der Bassist spielte zwischendurch mal Tuba, der Sänger gab alles. Auch die Bluesharp durfte nicht fehlen und kam zum Einsatz. Das Publikum tanzte schon bei den ersten Songs.

Weiter ging es ins Deutsche Harmonikamuseum, wo der strahlende Museumsleiter Martin Häffner das Publikum sowie Künstler Tom Jack and the Bigharmonicaman aus Hamburg begrüßte. Der Mann mit den Hosenträgern, dem braunen Hut, den Kotletten und dem markanten Bart heißt Hendrik Südhaus. Er ist in Trossingen kein Unbekannter mehr, kommt er doch seit Jahren in die Musikstadt, um an den Harmonika-Master-Workshops teilzunehmen. Mit seinem „How Long Blues“ spielte er auf der Marine-Band Harmonika einen Song von 1928. Schon 1991 habe er sich dieser Mundharmonika verschrieben und sie von seinem hart verdienten Taschengeld gekauft, erzählte er. Auf dieser spielte er nicht nur, sondern klemmte sie sich zwischen die Zähne, wenn er das Publikum zum Mitklatschen animierte. Die Klänge der Bluesharmonika trugen die Zuhörer in eine andere Zeit, verwandelten das Harmonikamuseum in eine verrauchte Bluesbar der 20er-Jahre in Downtown Chicago.

In Blue Mama’s Blue Kitchen im Kesselhaus servierte Frontfrau Renate Braun den Blues auf eine charmante Art, dabei ging sie ganz in der Musik auf und verzauberte das Publikum gleich zu Anfang mit einer Nummer von B.B. King: „Rock Me Babe“. Auch Renate Brown spielte auf der Mundharmonika klagende langgezogene Töne. „How Blue Can You Get?“ - Wie schlimm kann es noch werden, fragte Renate Braun die Zuhörer und sang den gleichnamigen Song.

In der „Galerie“ hieß es Bühne frei für „Roccaine“ rund um die Sängerin Imola, ein zierliches Persönchen mit einer Stimme, die überragend kraftvoll und rockig durch die Bar röhrte. Mit „Cocaine“ und „Mustang Sally“ rockten sie die Bar. Ob Santana eine Bluesband sei, fragte der Gitarrist die Zuhörer augenzwinkernd. Die nahmen es nicht so genau und wippten zu „Smooth“ im Takt mit.

Richtig getanzt wurde an diesem Abend erst zur späten Stunde im „Canapé“ zu den Klängen von Bossbluez. Mundharmonika, Saxophon, Trompete: Hier wurde es beschwingt. Blues mit einem Hauch Jazz, Funk oder gar psychedelischen Klängen ließ das Publikum bis spät in die Nacht die Hüften schwingen.

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